Der „Fünf Schwäne“-Teppich, oft reproduziert auf Umschlägen, Griffelkästen und in Kunstkalendern, persifliert in Form vom „Fünf Möpse“-Teppich, der berühmte „Fünf Schwäne“-Teppich von Otto Eckmann ist eines der Wappenbilder des Jugendstils. Entstanden ist dieses vielzitierte Werk in der Scherrebeker Kunstwebschule in Nordschleswig (heute Dänemark). Diese Webschule, die nur kurze Zeit von 1896 bis 1905 bestand, in dieser Zeit schnell internationalen Ruhm erntete, bedeutende Künstler engagierte (Otto Eckmann, Walter Leistikow, Heinrich Vogeler, Hans Christiansen) – diese Schule verdankt ihr Entstehen ganz besonderen kulturpolitischen und politischen Umständen. Einer war das lebendige und direkte Engagement der Hamburger Museumsleute. Als Reaktion auf die Am and Crafts-Bewegung wünschten Justus Brinckmann, Direktor des Hamburger Kunst- und Gewerbemuseums, und sein Kollege Friedrich Danneken auch in Norddeutschland eine Wiederbelebung der Volkskunsttraditionen.

Ein ganz anderes Ziel hatte Johannes Jacobsen, der Ortsgeistliche von Scherrebek. Er, der eigentliche Gründer der Schule, sah in der Volkskunst ein Mittel, seine Germanisierungsunternehmungen in der dänischsprachigen Region voranzutreiben. Er wollte in der Webschule Däninnen unter deutscher Leitung arbeiten und zugleich Deutsch lernen lassen. Als eines der gefährlichsten Instrumente eines radikalen Nationalismus wurde die Webschule folglich nicht nur von dänischer Seite argwöhnisch betrachtet. Auch die Regierungsbehörden in Berlin lavierten vorsichtig und verweigerten dieser Institution die offizielle Legitimierung. Ihren schnellen Erfolg verdankten die Scherrebeker Bildteppiche tatsächlich nicht den nationalistischen Missionierungsbestrebungen, sondern ihrem künstlerischen Konzept. Und dieses war, für uns heute ungewöhnlich, eben nicht von Künstlern und Kulturpolitikern, sondern von Museumsleuten entworfen worden.

Vor allem Justus Brinckmann und Friedrich Danneken setzten ihre Kenntnis, ihre Beziehungen zu Künstlern und Kontakte zu anderen Museen ein, um die Webschule erfolgreich werden zu lassen. Durch ihren Einfluß wurde sie von Anfang an in den Jugendstil eingebunden, der 1896 zum Erfolg kam. Zahlreiche Ausstellungen, überwiegend positive Kritiken, die Teilnahme an der Weltausstellung in Paris 1900, auch die Missionsreisen von Jacobsen machten die Webteppiche und Kissenbezüge aus der Provinz schnell in den Hauptstädten bekannt. Die vornehmsten Einrichtungsgeschäfte vertraten die Scherrebeker Produkte.

Aber so schnell wie der Ruhm kam auch das Ende. Schon um 1900 wurde die Konkurrenz auf dem Kunstmarkt bedrohlich. Die entlegene Produktionsstätte, ein ungünstig organisiertes Verlagssystem, Uneinigkeit zwischen Jacobsen und Hauptinitiatoren Denneken und Eckmann führten 1905 zum Konkurs. Die Geschichte ihrer Gründung und Organisation, ihrer Schülerinnen, beschäftigten Künstler, ihrer Erfolge und Mißerfolge schildert dieses ungewöhnlich kenntnis- und materialreiche Buch. (Ernst Schlee: „Scherrebeker Bildteppiche“, Band 26 der Buchreihe „Kunst in Schleswig-Holstein“ des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums, herausgegeben von Gerhard Wietek; Karl Wachholtz Verlag, Neumünster; 32? S., Abb., 56,– DM.)

Elke von Radziewsky