Industrieansiedlung

/ Von Wilfried Kratz

Auf der Fahrt von Newcastle upon Tyne, der Industriestadt im Nordosten Englands, nach Durham, bekannt durch seine Kathedrale und die Universität, macht der Bus einen Umweg und passiert eine Baustelle. "Das ist Nissan", ruft die Repräsentantin der Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft der Region und deutet mit einer weiten Armbewegung auf den größten Erfolg jahrelangen intensiven Werbens. Dort, auf dem ehemaligen Flughafen von Sunderland, entsteht ein Montagewerk für zunächst 25 000 japanische Autos im Jahr, Wenn die Erfahrungen positiv sind, wollen die Japaner das Werk zu einer richtigen Automobilfabrik mit einer jährlichen Kapazität von 100 000 Autos und 2500 Beschäftigten erweitern.

Nordosten besonders betroffen

Der englische Nordosten, wo vor 160 Jahren Stephensons erste Dampflokomotive Kohlewagen von Darlington nach Stockton zog, ist von dem Niedergang der alten Industrien besonders hart getroffen. Große Ausbesserungswerke der Eisenbahn werden zugemacht. Kohlezechen schließen. Die Werften streichen Arbeitsplätze. Die stark geschrumpfte Stahlindustrie kämpft um ihre Existenz. Mächtige Rathäuser und andere öffentliche Gebäude erinnern an Reichtum und Selbstvertrauen der Gründerzeit. Sie machen den Kontrast zu den verlassenen Fabriken und den vernachlässigten Wohngebieten nur noch auffälliger. Die Gegend hat ihren industriellen Unterbau verloren und sucht verzweifelt nach einem Ersatz. Mit einer Arbeitslosenquote von zwanzig Prozent ist sie eines der am ärgsten gebeutelten Notstandsgebiete des Landes.

Es ist harte Arbeit für die Industriewerken, die mit einer ganzen Reihe finanzieller Anreize wirken, aber mit ihren ebenso emsigen Kollegen in anderen Teilen Großbritanniens und im Ausland konkurrieren. Wenn ein Fisch von der Größe Nissans ins Netz gegangen ist, dann ist die Freude groß. Die Japaner erscheinen wie Retter in höchster Not. Aus dem Ausland wird das Heil erwartet, während in Großbritannien selbst wieder einmal heftig über den Niedergang der verarbeitenden Industrie, die industriefeindliche Einstellung und die Mängel des Erziehungssystems diskutiert wird.