Ausländische Unternehmen sucht man nicht ohne Grund. Sie sind noch nicht "korrumpiert" vom britischen System, bringen neue Methoden des Managements und der betrieblichen Organisation. Häufig gelingt es ihnen sogar, die Gewerkschaften außen vor zu lassen. Dort, wo sie mit ihnen verhandeln, sind die Firmenleitungen in einer starken Position. Alte Traditionen lassen sich beiseite schieben, übliche Abgrenzungen vermeiden. Nissan zum Beispiel hat nur eine einzige Gewerkschaft anerkannt, ein fast revolutionärer Vorgang angesichts der Vielfalt der Gewerkschaften gerade in der Automobilindustrie.

Für die Industriewerken ist es wichtig, den umworbenen Investoren die Bedenken zu nehmen, die diese oft mit einer Anstellung im Norden verknüpfen: eine gewisse Schwerfälligkeit der Mensehen, alte, von der Schwerindustrie diktierte Arbeitspraktiken, mangelnde Aufgeschlossenheit gegenüber allem neuen. Die Werber werden nicht müde, diese Ängste zu entkräften, erfolgreiche Gegenbeispiele vorzuführen und die Attraktivität des Nordens zu rühmen. Ihre Aufgabe ist paradoxerweise leichter und zugleich schwieriger geworden nach der Wende, die mit dem Amtsantritt der konservativen Regierung Thatcher einsetzte. Leichter wurde es, weil die Regierung dem Management mehr Freiheiten gegeben und die Macht der Gewerkschaften eingeschränkt hat, schwieriger durch die Betonung des Nord-Süd-Konflikts.

Unter dieser Regierung, die ihre Machtbasis im Süden hat, beschleunigte sich der Niedergang der alten Industrien. Alles neue wurde noch mehr mit dem Süden verknüpft, während der Norden stärker noch als früher zum hoffnungslosen Fall abgestempelt wurde. Die Regierung gilt, zumindest im Norden, als eine Regierung des Südens, dessen Bewohner ohnehin mit einer gewissen Herablassung nach Norden blicken.

Dieser Nord-Süd-Konflikt wirkt sich ökonomisch, sozial und kulturell aus. Er ist ein Teil des Hintergrundes der Affäre Liverpool, wo die konservative Zentralregierung und die von Trotzkisten beherrschte Labour-Mehrheit über die Finanzen der Stadt stritten. Ausgelöst wurde der Konflikt durch schärfere Eingriffe der Londoner Regierung in Selbstverwaltung und Finanzen der Gemeinden. Die Trotzkisten beantworteten dies mit dem Versuch, ein revolutionäres Chaos herbeizuführen.

Sozialisten Zügel angelegt

Das eigentliche Motiv der Regierung ist es, den Sozialisten in den Kommunen durch Kontrolle der Finanzen Zügel anzulegen. Die roten Rathäuser stehen ganz überwiegend im Norden, und insofern spielt auch hier der regionale Konflikt eine Rolle. Professor Ridley von der Universität Liverpool wies mit pointierten Bemerkungen darauf hin, als er nach den tieferen Ursachen für den spektakulären Streit über das Budget der Stadt suchte: "Die Regierung sitzt in London und teilt mit vielen Leuten des Südens eine ganz besondere Ansicht über die Provinzen. Der Norden, vor allem Liverpool, ist eine andere Welt, bewohnt von einem unruhigen Volk, das Geld kostet und sie (die Regierung) politisch stört."

Die Klassenunterschiede werden nach seiner Meinung auch geographisch immer starker. "Die Regierung wurde nicht nur vom Süden gewählt; sie repräsentiert auch den Süden. Ihre Minister kommen den Leuten in Liverpool fast wie Ausländer vor, und genauso müssen umgekehrt die Liverpooler der Premierministerin erscheinen. Das Verhältnis ist beinahe kolonialistisch." Wenn die Regierung nicht auf einen versöhnlicheren Kurs gehe und das Geld des reichen Südens für den armen Norden locker mache, dann sieht es nach Professor Ridley düster aus. Die Folge: "Ein geteilt" Königreich und eine geteilte Gesellschaft.