Äthiopiens oberster Hungerhelfer, als strammer Parteigänger des marxistischen Regimes in Adtut Abeba hervorgetreten, soll sich in den Westen abgesetzt ha-

Dawit Wolde Giorgis, als Chef der staatlichen "Relief and Rehabilitation Commission" (RRC) Koordinator der gigantischen Hilfsaktion für Äthiopiens vom Hunger bedrohte Bevölkerung, nahm nie ein Blatt vor den Mund, wenn es galt, den Westen wegen angeblich unzureichender Nothilfe zu schelten. "Gerade die Regierungen derjenigen Länder", herrschte er westliche Botschafter im Oktober 1984 an, "in denen Überfluß herrscht und wo Lebensmittel zum großen Teil ins Meer gekippt oder als Tierfutter verwertet werden, führen standig die Menschenrechte und die Humanität im Mund. Und es sind gerade diese Regierungen, die Lebensmittel als politisches Instrument einsetzen, die uns vorwerfen, wir hätten nicht genug getan in einem Land, das nie genug hatte."

Solche Attacken wiesen den RRC-Vorsitzenden als treuen Diener seines Herrn, des Revolutionsführers Mengistu Haile Mariam, aus. Dawit Wolde Giorgis galt als einer der engsten Vertrauten des äthiopischen Alleinherrschers, der mit dem Freund, wie es in diplomatischen Kreisen heißt, auch "über Eingemachtes" sprach. Sollte sich der Genosse Mengistu in seinem Gefolgsmann getäuscht haben?

Im kleinen Machtzirkel der Militärs und Parteiführer um Mengistu hatte niemand engere Kontakte zum Westen als Commissioner Dawit Wolde Giorgis; in der Hierarchie der "Arbeiterpartei" rangierte er weit vor dem Arbeitsminister. Sein Bruder war bis zum 1. Mai Botschafter in London. Zwei weitere Brüder leben in Europa. Dennoch gab es nie Zweifel an seiner Loyalität. Mit dem Beginn der akuten Hungersnot wurden die Reisen des RRC-Chefs zu den westlichen Geberländern immer häufiger.

Doch von seiner letzten Dienstreise in den Westen kehrte Dawit Wolde Giorgis nicht mehr nach Addis Abeba zurück. Noch am 25. November hatte der RRC-Vorsitzende in Bonn der Bundesregierung für ihre "ausgezeichnete Hilfe" gedankt und um weitere Unterstützung für sein Land gebeten,

Nun soll Dawit Wolde Giorgis in den Vereinigten Staaten um politisches Asyl nachgesucht haben. Das State Department hat den Asylantrag bisher nicht bestätigt, doch in Addis Abeba ist das Verschwinden des RRC-Vorsitzenden schon seit Wochen kein Geheimnis mehr. Die Regierung hüllt sich in Schweigen. Dementiert hat sie einen Bericht der Londoner Sunday Times und eine Meldung der Nachrichtenagentur AP nicht.

Die Flucht des Leiters der staatlichen Hilfsorganisation brachte das selbstherrliche Militärregime in arge Verlegenheit. Wer könnte es den westlichen Regierungen verargen, wenn sie künftig noch strengere Maßstäbe an ihre Hilfszusagen anlegten, nun da ihr wichtigster Gesprächspartner und einer ihrer schärfsten Kritiker sich von den eigenen Genossen abwendet?

Natürlich sind auch rein private Gründe vorstellbar, die Dawit Wolde Giorgis bewogen haben könnten, im Westen zu bleiben. An der neuerlichen Vertrauenseinbuße für das äthiopische Regime, dessen rücksichtsloses Umsiedlungsprogramm derzeit von zahlreichen Hilfsorganisationen heftig kritisiert wird, dürfte dies nur wenig ändern. Leidtragende wären die Millionen Äthiopier, die auch künftig ohne Hilfe aus dem Ausland nicht überleben können. Matthias Naß