rTprönnies Hellmann sieht jünger aus als seine l 72 Jahre. Er ist von immer noch kräftiger J. Gestalt, ein Mann, dem man auf Anhieb abnimmt, daß er einer von jenen charakterfesten, klassenbewußten Kommunisten gewesen ist, an denen die KPD so reich war und von denen die meisten den Schergen Hitlers und Stalins zum Opfer fielen. Erst nach längerem Gespräch wird man gewahr, daß dieser Mann leidet - nicht nur körperlich, sondern an all dem Schweren, das er in den besten Jahren seines Lebens erdulden mußte. Ihn quält der Gedanke an die vielen toten Freunde, die am Wegesrand liegenblieben.

Er lebt im Hamburger Arbeiterviertel Eimsbüttel, in derselben Wohnung, in der er im Schöße einer kinderreichen Familie aufgewachsen ist. Heute ist es rundum still geworden - fast nur noch alte Leute leben hier. Aus den Kindheitstagen hat er schreckliche Eindrücke mitgenommen: "Mein Vater wurde 1916 vor Verdun schwer verwundet. Zwei Jahre lag er im Lazarett Friedrichsberg ohne Gedächtnis. Tag und Nacht wackelte er mit dem Kopf hin und her "

Bei Blohm + Voß erlernte Hellmann das Schiffszimmerer Handwerk; mit 15 trat er in die Gewerkschaft ein, mit zwanzig saß er ein Jahr lang zweimal wöchentlich in einer ArbeiterAbendschule und paukte die Begriffe des Marxismus und Leninismus "Auf der Werft bekam ich mein Klassenbewußtsein", sagt er selbstbewußt, "aber mein politisches Bewußtsein, das hat uns jungen Fiele Schulze beigebracht "

Voll Achtung spricht er von jenem legendären Führer des Hamburger Rotfrontkämpferbundes, der 1933 von der Nazi Justiz zum Tode verurteilt und 1935 mit dem Beil hingerichtet wurde. Gustav Heinemann ließ ihm in einer Rede späte Gerechtigkeit widerfahren. Hamburg selber tut sich da immer noch schwer. Hellmann wunderts nicht: "Klassenbewußtsein und politisches Bewußtsein, das ist eine fürs Kapital gefährliche Mischung Und, beinahe stolz: "Ein Kommunist hat nichts zu verlieren, aber eine Welt zu gewinnen. So wurde ich erzogen!"

In einem erschütternden Brief an Herbert Wehner, in dem er nicht anklagt, sondern - von ExKommunist zu Ex Kommunist - Rechenschaft über seinen politischen Weg ablegt, schrieb er: "Sie und alle anderen Spitzenfunktionäre gaben uns die geistige Waffe, so daß wir bereit waren, unser Leben für Stalin einzusetzen und zu opfern " Tönnies Hellmann und mit ihm viele junge Kommunisten in Hamburg schlugen ihr Leben in ungezählten Straßen- und Saalschlachten in die Schanze. Meistens war die SA der Gegner. Zuweilen auch das sozialdemokratische Reichsbanner: "In Geesthacht haben wir uns 1932 gegenseitig halb totgeschlagen. Wir waren verblendet, hatten uns den falschen Gegner ausgesucht 1932 kam der arbeitslose Hellmann nach einem Zusammenstoß mit den Nazis für drei Monate ins Gefängnis. In der Nacht nach dem Reichstagsbrand, als im ganzen Reich SA und Polizei die Kommunisten und andere Linke jagten, mußte Hellmann untertauchen. Als er sich nach einem halben Jahr aus dem Versteck bei Freunden wieder hervorwagte, wurde er sogleich verhaftet und in das berüchtigte KZ Lager Fuhlsbüttel eingeliefert. Zwölf Wochen saß er in Einzelhaft "Das Schreien der Gefolterten in den Nachbarzellen höre ich noch heute. Ich selber wurde jeden Tag vom Stationswachtmeister, einem SS Mann namens Otto, geschlagen Aber Hellmann sagte vor der Gestapo nicht aus: eisern hielt er sich an eine KPD Fibel, die jeder Jungkommunist kannte: "Wie benimmt sich ein Proletarier vor Gericht?"

Er brüstet sich nicht mit seiner Standfestigkeit: "Ich wurde ein völlig verängstigter Mensch Anfang Dezember 1933 genehmigte die Gestapo ihm eine Eheschließung, da seine Verlobte, ebenfalls eine Genossin, inzwischen schwanger geworden war "Ich wurde mit dem Auto zum Standesamt Eimsbüttel gebracht. Als sie mir die Fesseln abnahmen, machte ich sofort einen Fluchtversuch. Ich war in der Zelle völlig durchgedreht Zwei Gestapo Beamte eröffneten das Feuer. Hellmann wurde wieder eingefangen, die Trauung vertagt. Zurück im KZ, fing die Folter erst recht an "Ich wurde auf dem Tisch festgebunden und ausgepeitscht. Mein ganzer Rücken war nur noch eine breiige Masse. Mehrmals verlor ich die Besinnung. Man goß Wasser über meinen Körper, damit ich wieder zu mir kam. Anschließend wurde ich an den Füßen in meine Zelle geschleift. Wochenlang mußte ich auf dem Bauche hegen "

1934 kam Hellmann auf freien Fuß, mußte sich aber dauernd bei der Gestapo melden. Er heiratete, und das junge Paar zog zu den Schwiegereltern, ebenfalls Kommunisten, die illegal für die Partei arbeiteten. Sein Schwiegervater mußte bald für zwei Jahre ins Gefängnis, während über die Schwiegermutter Klara Groth - auch sie hat man wegen Aussageverweigerung schwer gefoltert drei Jahre Zuchthaus verhängt wurden. Ihre Enkelin weiß noch, wie man sie als Kleinkind oft in der Nähe des Zuchthauses Lübeck veranlaßte, mit lauten Rufen eine Ente auf dem Teich anzulocken. "Das war das Signal für meine Oma. Sie konnte dann aus dem Fenster nach uns sehen Hellmanns Schwager, der als 19jähriger Kommunist schon für vier Jahre ins Zuchthaus gesteckt wurde, landete im KZ Sachsenhausen, von wo er 1945 als kranker Mann zurückkehrte. Die Angst blieb dem jungen Arbeiter Hellmann im Nacken. Auf die Werft ließ man ihn nicht mehr, also nahm er Gelegenheitsarbeiten an. Die meisten Anwohner mieden ihn. Oft kam die Gestapo. Hellmann mußte stets mit einer neuen Verhaftung rechnen. Vergebens versuchte er eine Pistole aufzutreiben: "Ich wollte ein zweites Mal nicht lebend in die Hände der Gestapo fallen "

Dazu kam die ideologische Anfechtung. Die Genossen hörten Radio Moskau und ließen sich über illegale Kanäle von den Schauprozessen in der Sowjetunion berichten. Zweifel wurden unterdrückt, auch als Stalin sich plötzlich mit seinem Todfeind Hitler verbündete und Polen aufteilte. Die Partei hatte eben immer recht.

Im dritten Kriegsjahr, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, baute die KPD in Hamburg eine neue Widerstandsgruppe auf, die sogenannte Bästlein Gruppe. Hellmanns bester Freund, Richard Heller (auch er hatte mehrere Jahre Zuchthaus hinter sich), organisierte die Eimsbüttler Zelle "Er trat einfach an mich und meine Frau heran, ob wir bereit wären, mitzuarbeiten. Ich hatte zwar Angst vor der Gestapo, aber man durfte sich nicht unterkriegen lassen. Man mußte das machen Die Zelle traf sich ein einziges Mal, zwei Frauen und fünf Männer. Genösse Heller hielt ein Referat zur politischen Lage "Er hat uns auseinandergesetzt, wie wir Hitler bekämpfen müßten - nämlich ohne Waffen " Das sah dann etwa so aus: Eines Tages im Jahre 1942 stellten sich Heller und Hellmann oben in den Elbtunnel und schütteten aus einer Aktentasche antinazistische Flugblätter, die von den Werftarbeitern nach der Schicht aufgelesen wurden. Widerstand im kleinen. Für flüchtige Genossen, die weder Lebensmittelkarten noch Geld hatten, mußte Hellmann Quartiere besorgen. Er wandte sich dann an vertrauenswürdige Nachbarn, die nicht viel fragten und die Obdachlosen für kurze Zeit in Schreberhäuschen versteckten. Hellmann besorgte Lebensmittelkarten und sammelte Geld "Nachts kamen diese Leute dann immer in unsere Wohnung, wo wir sie durchgefüttert haben. Ich hatte da als Lastwagenfahrer Möglichkeiten, an Lebensmittel heranzukommen " Hellmanns Tochter verblüffte nach dem Kriege ihre Schulklasse, als sie nach einer Lektion über den 20. Juli aufstand und erzählte, wie sie einen Widerstand hautnah erlebt hatte, von dem nichts in den Schulbüchern stand "Für mich war ganz normal, daß nachts bei uns das Leben begann. Meine Mutter backte Waschschüsseln vollerMattknödel; die ganze Wohnung und das Treppenhaus rochen immer nach Schmalz. Auch Ochsenschwanzsuppe stand da herum. Und dann kamen sie alle und haben sich bei uns sattgegessen. Auch ein Jude war dabei. Und ich fragte: Warum hat er so einen gelben Stern an der Jacke?" Sie weiß noch, wie eine Wolldecke vor das verdunkelte Fenster gelegt wurde und sich alle übef das Radio beugten, um verbotenerweise "Feindnachrichten" zu hören "Widerstand - das war unser Alltag " Die Bästlein Gruppe wurde 194243 zerschlagen, nachdem es der Gestapogelungen war, einen Spitzel einzuschleusen. Heilmänn und seine Frau kamen mit dem Leben nur deshalb davon, weil sie von ihrem Kontaktmann Richard "Heller nicht verraten wurden. Trotz schwerster Folter hat Heller eisern geschwiegen. Am 6. Juli 1944 wurde er in Hamburg hingerichtet - Hellmann trägt noch immer das Bild seines Freundes bei sich.

Im Juli 1943 wurde Hellmanns Familie ausgebombt. Einen Monat später holte ihn die Wehrmacht - das Reich brauchte nach den Niederlagen von Stalingrad und Kursk neues Kanonenfutter. Nach kurzer Ausbildung kam Hellmann an die Front: als Soldat zweiter Klasse in einem Stellungsbau Pionierbataillon (offensichtlich eine für mißliebige Sozialisten vorgesehene Tätigkeit: auch Karl Liebknecht mußte im Ersten Weltkrieg Drahtverhaue ziehen und Schützengräben ausheben). Am 10. Oktober 1943 geriet Hellmanns Kompanie beim Schanzen vor Kiew in ein Trommelfeuer "Das Schreien, Stöhnen, Brüllen und Weinen der Schwer- und Leichtverwundeten kann ich mein Leben nicht vergessen Hellmann erinnert sich an einen achtzehnjährigen Soldaten aus Lüneburg, der mit einem Bauchschuß außerhalb des Grabens liegenblieb "Wir konnten nicht helfen. Er rief um Hilfe, er weinte und wimmerte, und schrie immer wieder nach seiner Mutter, bis er starb. Vor ihnen lag eine Strafkompanie mit Bibelforschern, die weder vor noch zurück konnten. "Sie sind alle betend gestorben. Und ich dachte zum erstenmal über das fünfte Gebot nach und über die Theorie Lenins vom gerechten und ungerechten Krieg. Es sterbe ja nur immer die kleinen Leute "

In all dem Elend - ob vorne an der Front, ob hinten im Feldlazarett mußte Hellmann dauernd befürchten, daß ihn eines Tages doch noch die Gestapo abholen werde. Aber wie vertrug sich der Fronteinsatz im Vaterland der Oktoberrevolution überhaupt mit seinem proletarischen Gewissen? Auch darüber hatte man in der Bästlein Gruppe diskutiert. Es wurde jedem freigestellt, ob er ia der Wehrmacht für die KPD tätig sein wollte und konnte. Hellmann: "Ich war ja nur ein Soldat ohne Waffe, aber den Mut, zu den Russen überzulaufen, den hatte ich auch nicht "

Am 9. Mai 1945 lag der Soldat Hellmann vor Prag, wo ihn tschechische Partisanen gefangennahmen. Woher sollten sie wissen, daß er ein ehemaliger Widerstandskämpfer war? Sie stellten ihn mit dreißig Kameraden an die Wand. Sowjetische Soldaten verhinderten das Massaker. In Prag wurden 20 000 deutsche Kriegsgefangene zusammengestellt, die durch Böhmen und Mähren bis nach Bratislava (Preßburg) marschieren mußten "Wochenlang ging es durch Dörfer und Städte, wo uns wehrlosen Gefangenen alles heimgezahlt wurde, was die Deutschen in der Tschechoslowakei zu verantworten hatten. Ich bekam unterwegs Vom schlechten Wasser die Ruhr. Am Ziel der Reise war ich dem Tode nah "

Doch es ging weiter: Die Gefangenen wurden in Viehwaggons gepfercht. In qualvoller Enge und bei entsetzlichen sanitären Verhältnissen fuhren sie über die Slowakei und Rumänien weiter durch die westliche Sowjetunion bis hin zum nördlichen Ural. Dieses sowjetische Verbannungsgebiet erstreckte sich über Hunderte von Kilometern. Lager reihte sich an Lager - umgeben von unzugänglichen Gebirgen, Wäldern und Flüssen. Dorthin hatte Stalin Millionen Menschen zur Zwangsarbeit deportieren lassen; unzählige sind in jener Wildnis gestorben. Ein Reich der Finsternis, in dem acht Monate strenger Winter herrschte.

Als der deutsche Kommunist Hellmann das erste Kriegsgefangenenlager betrat, glaubte er noch fest an Stalin und die Partei "Ich wußte, daß der Hitlerfaschismus die Russen als Untermenschen eingestuft hatte, die vernichtet werden sollten. Wie man heute in Christian Streits, Keine Kameraden nachlesen kann, sind von den 5 7 Millionen russischen Kriegsgefangenen 3 3 Millionen in deutschen Lagern gestorben, ein Großteil der Offiziere gleich hinter der Front oder später im Lager von Sondereinheiten erschossen worden. Die sowjetische Partei- und Staatsführung hingegen beabsichtigte nicht, deutsche Offiziere zu erschießen und die Kriegsgefangenen zu vernichten. Erklärtes Ziel war vielmehr unsere Umerziehung, damit wir später ein friedliches, demokratisches Deutschland aufbauten "

Mit solchen Gedanken ging Hellmann in die Gefangenschaft "Und nicht nur ich allein, sondern viele Kameraden waren bereit, durch ihre Arbeit einen kleinen Teil deutscher Schuld abzutragen. Denn den meisten war sehr wohl bewußt, daß Hitler trotz eines geltenden Vertrages in dieses Land eingebrochen war und die Sowjetunion mit 20 Millionen Toten die Hauptlast des Zweiten Weltkrieges zu tragen hatte "

Von 1945 bis 1947 schuftete Hellmann in einem Arbeitslager, das von ehemaligen deutschen Offizieren geleitet wurde. Er gab sich im Lager sogleich als ehemaliger Kommunist zu erkennen und hatte es nun doppelt schwer: Mitglieder der Arbeiterparteien SPD und KPD wurden bei jeder Gelegenheit gemaßregelt, beschimpft und zu den härtesten Arbeitseinsätzen eingeteilt, nämlich bei den Brigaden mit der höchsten Todesrate. Offiziere vom Major aufwärts dagegen brauchten nicht körperlich zu arbeiten und erhielten zusätzlich zum Lohn eine bessere Verpflegung. Hellmann: "Ich sah in diesen Jahren keinen Offizier sterben, immer nur Mannschaftsgrade. Doch gerade diese Menschen wollten die Sowjets doch überzeugen und als Freunde zurückschicken!"

Ein einziger Tag bei dreißig Grad Kälte in einer Erdarbeiterbrigade hätte eigentlich gereicht, um jedem Gefangenen zu zeigen, wie unter Stalin Menschen durch Arbeit vernichtet wurden "Jeden Morgen ging es, bewacht von Wolfshunden, zu Erdarbeiten ninaus. Acht, zehn, zwölf Stunden schaufeln, hacken, stemmen, Zwei Zentner Lasten schleppen. Bei knurrendem Magen. Länger als drei Monate hielt das keiner aus "

"Weil die Arbeitsnormen nicht zu erfüllen waren, wurde die Brotzuteilung immer kleiner", erinnert sich Hellmann "Jeden Morgen gab es Kämpfe um den Kanten Brot. Einige Gefangene waren gerade siebzehn Jahre alt. Die Schmerzen und die Tränen dieser Kinder bei ihrem langsamen Sterben mit anzusehen, war für mich kaum erträglich Erste Zweifel am Stalinismus keimten auf: Die Maxime der Partei, daß der Zweck die Mittel heilige, konnte nicht richtig sein. Für diese Welt der Verbannungsgebiete hatten doch die deutschen Genossen im Widerstand gegen das Hitler Regime nicht ihr Leben gelassen. Die russischen Zwangsarbeiter, die Hellmann auf Baustellen und in Bergwerken kennenlernte, hatten es übrigens noch schwerer als die deutschen Kriegsgefangenen. Hellmann hielt es dennoch für seine Pflicht, in den Lagern politisch zu arbeiten und Vorbild zu sein. Nicht mehr für Stalin wollte er die Kameraden gewinnen, sondern für ein späteres demokratisches Deutschland. Wegen seines persönlichen Verhaltens faßten die anderen Vertrauen zu ihm, fragten ihn nach seiner Arbeit im lautlosen Widerstand gegen Hitler. Täglich mußte er sich mit der deutschen und der russischen Lagerverwaltung sowie der NKWD, der politischen Geheimpolizei, auseinandersetzen. Er kämpfte gegen die ungerechte Arbeitsverteilung zwischen Offizieren und Mannschaften, er wollte die Lebens- und Arbeitsbedingungen seiner Kameraden verbessern. Die politischen Folgen dieser Kriegsgefangenschaft waren absehbar, da machte sich Hellmann nichts vor. Ein neuer Antikommunismus würde in Deutschland entstehen "Ich mußte scheitern! All diese Menschen waren von Stalinisten im Gewände sozialistischer oder kommunistischer Ideen entrechtet worden. Da blieb jedes politische Gerede zwecklos "

Nach zwei Jahren war Hellmann psychisch und physisch ausgezehrt. Eine Ärztekommission erklärte ihn für arbeitsunfähig und wies ihn in ein Lazarett ein. Die ärztliche Versorgung, so Hellmann, war in allen Kriegsgefangenenlagern vorbildlich. Als er wieder igenesen war, wurde er in ein Bergwerkslager geschickt. Und wieder begann er seinen Kampf gegen die Arbeitsnormen. Er könnte mit seinen Schilderungen ein Buch füllen. Aber er will keine alten Wunden aufreißen, keinen neuen Haß entfachen, sondern wünscht sich"eirt freundschaftliches Verhältnis seines Volkes zur Sowjetunion "1948 verbesserte sich die Situation der deutschen Kriegsgefangenen allmählich, aber nun war es für meine politische Arbeit zu spät. Die Erfahrungen der Janre zuvor hatten sich zu tief eingegraben Hellmann mußte vier Jahre warten, bis aus Hamburg eine Bestätigung eintraf, daß er als Kommunist im Widerstand gearbeitet hatte. Und auch dann vergingen bis zur Heimkehr nochmals zwölf Monate. Fünf lange Jahre, die ihre Spuren hinterließen. Er ist darüber dennoch nicht zum Antikommunisten geworden.

Zurück bei seiner Familie in Hamburg, brauchte Tönnies Hellmann noch eine lange Zeit, ehe ihm die Abnäbelung von der Mutterpartei gelang. Eben weil er ein so redlicher, charakterfester Kommunist war, fiel ihm der Abschied schwer. "Die Parteidisziplin ist ungeheuer stark. Bis zur endgültigen Auseinandersetzung kann man dreißig Jahre rechnen Es hat ihm sehr weh getan, als jüngst beim Totengedenken ein Freund aus der kommunistischen Kampfzeit ihn keines Blickes würdigte.

Zehn Jahre lang hat Hellmann nachträglich den Stalinismus studiert - in einer für ihn gewaltigen geistigen Anstrengung las er viele Bücher über die Sowjetunion und besonders die Stalin Ära, aber auch klassische russische Literatur "Eine Welt ist in mir zusammengebrochen. Ich habe soviel Entsetzliches gelesen, daß ich viele Nächte nicht mehr schlafen konnte Denn Stalin ("Er war ein bewußter krimineller Mörder") hat auch seine Ideale zerstört "Deshalb bin ich gegen jede Diktatur von links oder rechts "

Mit 70 noch brachte sich Hellmann mühsam das Schreibmaschineschreiben bei; er führte eine umfangreiche Korrespondenz mit Lew Kopelew, Heinrich Böll, Helmuth Gollwitzer und anderen. "Böll war mein großes Vorbild am Ende meines Lebens Der Schriftsteller habe ihm geholfen, einen neuen Weg zu finden. Hellmann fand zum christlichen Glauben seiner Mutter zurück und entdeckte sein Herz für die Kriegsdienstverweigerer. Laden ihn Schulklassen ein, damit er, ihnen vom Widerstand erzähle, stellt er immer die Bedingung, daß er am Ende sein pazifistisches Credo verkünden darf, das fünfte Gebot: "Du sollst nicht töten!" Ein paarmal hat man ihm aus Angst vor beamtenrechtlichen Folgen diesen Auftritt verwehrt. Aber den Mund läßt er sich nicht mehr verbieten. Er will seine Tage nutzen, den Jungen seine Erfahrungen mitteilen, sie vor neuen Irrwegen warnen, von seiner inneren Wandlung reden. Und ihnen sein Lebensprinzip weitergeben: "Es lohnt sich, anständig zu sein "