Es ist der Einstellung der "Kirchentheologie" zur Gewaltlosigkeit, die sich in einer allgemeinen Verurteilung von allem, was sich mit Gewalt bezeichnen läßt, ausdrückt, nicht gelungen, Gewaltanwendungen in unserer Situation einzudämmen, sondern in Wirklichkeit wurde sie – obgleich unabsichtlich – zu einem entscheidenden Faktor für die neuerliche Eskalation der Gewalt von Seiten des Staates. Hier wird wiederum Gewaltlosigkeit zum absoluten Prinzip erhoben, angewandt auf alles, was irgend jemand Gewalt zu nennen beliebt, ohne Rücksichtnahme darauf, wer von dieser Gewalt Gebrauch macht, auf wessen Seite dieser steht und welches Ziel er anstrebt. In unserer Situation kann diese Einstellung nur gegenteilige Auswirkungen haben.

Das Problem, das sich hier für die Kirche stellt, besteht in dem Gebrauch, den die Staatspropaganda von dem Wort Gewalt macht. Der Staat und die Medien haben sich dafür entschieden, das, was Menschen in den Townships in ihrem Kampf um Befreiung tun, Gewalt zu nennen – nämlich das Werfen von Steinen, das in Brand stecken von Autos und Gebäuden und manchmal das Töten von Kollaborateuren. Doch schließt dieses die strukturelle, institutionalisierte und uneinsichtige Gewaltanwendung des Staates aus, insbesondere die unterdrückerische und nackte Gewalt von Polizei und Armee. Diese Dinge werden nicht als Gewalt bezeichnet.

Selbst wenn "unangemessenes Vorgehen" zugegeben wird, spricht man von "Verfehlungen" oder sogar von "Verstößen", doch niemals von Gewalt. Deshalb bedeutet der Satz "Gewalt in den Townships" nur das, was die jungen Leute tun, und nicht, was die Polizei oder die Apartheid als solche den Menschen antut. Fordert man unter diesen Umständen Gewaltlosigkeit, so setzt man sich dem Verdacht aus, Kritik am Widerstand des Volkes zu üben, während man gleichzeitig die Ausübung von Gewalt seitens der Polizei und des Staates rechtfertigt oder zumindest übersieht. So verstehen es nicht nur der Staat und seine Anhänger, sondern auch die Menschen, die um ihre Freiheit kämpfen. In unserer Lage ist Gewalt ein mit vielen Hypotheken belastetes Wort.

Es stimmt, daß auch in Erklärungen und Verlautbarungen der Kirche das gewaltsame Vorgehen der Polizei verurteilt wird. Es heißt darin, daß die Kirche jede Anwendung von Gewalt ablehne. Doch ist es – insbesondere unter den gegebenen Umständen – berechtigt, das rücksichtslose und repressive Handeln des Staates einerseits und die verzweifelten Verteidigungsversuche des Volkes andererseits mit ein und demselben Wort zu bezeichnen, nämlich mit dem Wort "Gewalt", deren Anwendung die "Kirchentheologie" pauschal verurteilt? Müssen derartige Abstraktionen und Verallgemeinerungen nicht für noch mehr Verwirrung sorgen? Wie ist es möglich, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Domination mit Widerstand und Selbstverteidigung gleichzusetzen? Wäre es berechtigt, beides – die physische Gewalt eines Sexualverbrechen und der physische Widerstand einer Frau, die sich wehrt – mit demselben Begriff "Gewalt" zu bezeichnen?

Überdies finden sich weder in der Bibel noch in unserer christlichen Tradition Hinweise, die derartige Verallgemeinerungen zulassen würden. Überall in der Bibel wird das Wort "Gewalt" nur da gebraucht, wo das Tun eines gottlosen und bösen Unterdrückers beschrieben wird.

Das Wort "Gewalt" wird niemals gebraucht, um das Vorgehen der Armen Israelis in ihrem Widerstand gegen Aggression und ihrem Kampf um Befreiung zu beschreiben. Wenn Jesus uns anweist, die andere Backe darzubieten, so sagt er uns, daß wir nicht Rache üben sollen; er sagt nicht, daß wir uns oder andere niemals verteidigen dürfen. Die Anwendung physischer Gewalt, um sich gegen Tyrannen und Aggressoren zur Wehr zu setzen, ist in einer langen und gleichbleibenden christlichen Tradition begründet.

In anderen Worten: Es gibt Umstände, unter denen physische Gewaltanwendung erlaubt ist. Diese Umstände sind äußerst begrenzt – Gewalt darf nur als letzter Ausweg oder als das kleinere von zwei Übeln gelten oder, wie Bonhoeffer es nannte, "die geringere von zwei Möglichkeiten, schuldig zu werden. Es ist einfach nicht wahr, wenn gesagt wird, daß jegliche Anwendung physischer Gewalt mit Gewalttätigkeit gleichzusetzen und niemals zulässig sei.

(Auszug aus dem Kairos-Dokument)