Von Hansjakob Stehle

Nichts gegen den Kinderglauben – auch wer ihn verloren hat, trauert ihm in der Stille nach. Steckt nicht ein Rest davon sogar in der unheimlich-anheimelnden Selbstverständlichkeit, mit der noch die Kirchenmüdesten unter Verehrern wie Verächtern von Religion jeden zwölften Monat – pünktlich nach dem Kirchenkalender – den Geburtstag Jesu Christi zum Anlaß einer Festlichkeit nehmen? Als ob sich die Welt, die einmal Christenheit hieß, alle Jahre wieder einmal wenigstens, von der wahrhaft sensationellen Nachricht, Gott sei Mensch geworden, berühren und herausfordern ließe. Als ob diese Heilsbotschaft nicht längst "vom Himmel hoch" auf den Gabentisch eines verharmlosten "Christkinds" oder "Weihnachtsmann" heruntergekommen wäre, fast unhörbar selbst dort, wo die Mehrheit der Menschheit in Notquartieren verkümmert und das Elend zum Himmel schreit. Religiöser Glaube, zumal christlicher Glaube jeder Konfession, hat es schwerer denn je mit den Leuten – und diese mit ihm. Die Aussicht auf Erlösung des Menschen von dem Bösen, das er sich und seinesgleichen antut, erscheint immer fragwürdiger, und die technischen Möglichkeiten weltweiter Information, die uns Übel und Leid samt den Betäubungsmitteln täglich ins Haus tragen, verschärfen den Zweifel und lassen die Empfindsamkeit für übernatürliche Hoffnung überhaupt abstumpfen. Der "Friede auf Erden" ist so weit entfernt wie damals, als es dem König Herodes mißlang, durch Kinder-Massenmord die Geburt eines Zeitalters zu verhindern, und ein Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld wusch – wie stets die Vertreter von Imperien.

Der Eingriff Gottes in die Geschichte, seine Menschwerdung, wie sie die Bibel berichtet, endete schließlich am Kreuz, also mit einer Niederlage. Diese wird zwar im Auferstehungsglauben des Christen aufgehoben, zum Opfer erhöht und im Geheimnis der Gnade persönlicher Erlösung überwunden. Die Kirchen jedoch und ihre Theologen, die dieses Mysterium verwalten, sind mehr und mehr in Beweisnot geraten. Ihre Sache, das Christentum, können sie ja – bei allem Respekt vor der modernen Trennung von Kirche und Staat – nicht als bloße Privatsache betreiben. Eben deshalb aber werden sie, soweit man sie nicht ignoriert, in dieser so sehr auf praktische Wirkung, auf efficiency; versessenen Gegenwart mit peinlichen Anfragen konfrontiert. Und deren Kern bildet mehr metaphysische Sorge, als die polemische Schale vermuten läßt.

Wo eigentlich hat sich die große Sinnesänderung, die Erlösung und Befreiung des Menschen wirklich ereignet? Wo gelang es diesem Geschöpf Gottes, sich und seine Welt entscheidend zu verbessern? Wo war Gott, als die Frommen Scheiterhaufen errichteten und die Gottlosen Vernichtungslager? Wo, als die kirchliche Doktrin das Evangelium zum Dogma, die Moral zum Verkehrstod ex gerinnen ließ? Und wo bleibt er, wenn die – vielleicht letzte – industrielle Revolution das Glück aus der Retorte, aus Kernreaktor und Computer bis zur Selbsterlösung – und Selbstzerstörung – des Menschen gesteigert hat? Wo, wenn einmal die Geburtenexplosion der Armen die Welt-"Ordnung" der Besitzenden sprengt, in der mit oder ohne kirchliche Erlaubnis die Pille zur Wohlstandsgarantie und das Kind zum bloßen Weihnachtssymbol wurde?

Gewiß, das "Reich Gottes", das die Bibel seit Jahrhunderten in Aussicht stellt und das ihre Prediger verkünden, sollte ohnehin nicht von dieser Welt sein, nicht auf dieser Erde schon entstehen. Die Vertreibung aus dem Paradies ist nie widerrufen worden. Mephisto blieb als Alibi jedes, nicht nur des "faustischen" Scheiterns erhalten. Deshalb – so könnte man folgern – müssen Politik und Wirtschaft, Kultur und Wissenschaften ihre Tagesgeschäfte nicht an der endzeitlichen Zielvorstellung messen lassen, oder gar vor ihr rechtfertigen. Deshalb pochen sie immer schon und heute noch selbstbewußter auf ihre Autonomie, ihre Eigengesetzlichkeit und Eigenverantwortung im Reiche des Machbaren.

Kann dies umgekehrt den Kirchen, weil diese ja nichts "machen" können, als Vorwand dienen, sich sozusagen aufs Altenteil des rein Religiösen zurückzuziehen? Keineswegs, denn genau hier beginnt ihr Dilemma, steckt das vertrackteste Problem ihrer Krise.

Einerseits sind sie weitgehend befreit von den Fesseln (freilich auch den Bequemlichkeiten) der einst so engen Bindung von "Thron und Altar". Mit dieser Seite der Säkularisierung haben sie sich nicht nur abgefunden, sie haben auch deren positive Auswirkungen entdeckt – das angenehme, sogar im allmählichen Verfall eines bloß konventionellen, nur von Tradition und gesellschaftlicher Gewohnheit lebenden Christentums. Ihre aktiven Gemeinden sind immer kleiner, aber oft auch frömmer geworden – vielleicht schrumpfen sie sich gar gesund? Selbst der Massenbesuch von Weihnachtsgottesdiensten täuscht jedenfalls nichts mehr vor, der Pfarrer braucht sich keiner Partei und keiner Regierung zu verschreiben. Aber das Wort Gottes, das er im Munde führt, kann jetzt weniger denn je unverbindliche Phrase und bloße Vertröstung bleiben. Es gewinnt Glaubwürdigkeit erst, indem es sich kritisch mit Existenzfragen von Mensch, Welt und Kirche auseinandersetzt.