Von Sibylle Cramer

Alles beginnt mit den drei oder vier Büchern, die sich in die erbärmliche Kate der Bruntys verirrt haben wie Botschaften aus einer anderen Welt. Hugh und Eleanor Brunty leben mit ihren zehn Kindern in der Armut irischer Bauern des 18. Jahrhunderts. Eine mittelalterliche Welt, die mitten im Zeitalter der Aufklärung ihre liebe Not mit dem Buchstabieren hat. Nichts bleibt von ihr im Gedächtnis, als daß Hugh Brunty ein großer Geschichtenerzähler war.

Den Schritt in die Neuzeit, ins Zeitalter des Buchdrucks und von dort in einer ehrgeizigen Aufholjagd mitten ins 19. Jahrhundert, macht der älteste Sohn der Bruntys, Patrick, 1777 geboren. Er bringt sich das Lesen und Schreiben selber bei. So beginnt eine familiäre Literaturgeschichte, in der Leben und Literatur einander den fiktionalen Rang streitig machen. Das Leben der Brontës erscheint als eine ihrer großartigsten Erfindungen.

Als Patrick Brontë 1820 das Pfarrhaus von Haworth mitten in der einsamen Heide- und Moorlandschaft Yorkshires bezieht, hat er das doppelte und dreifache Programm eines zeitgenössischen Lebens hinter sich und den Teil des Familienromans, der von fort- und Weiterkommen berichtet, von zurückgelegten Wegstrecken, von gelingenden Leben. Da ist aus dem Schmiede- und Tuchmacherlehrling im entlegenen Lisnacreery in der nordirischen Grafschaft Down der Dorflehrer und Erzieher im Haushalt des verwitweten Vikar Tighe geworden, schließlich der Theologiestudent in Cambridge (der sich den Namen Brontë zulegt) und am Ende der junge Geistliche, der die aus einer kultivierten Kaufmannsfamilie im Süden Englands stammende Maria Branwell heiratet und innerhalb von sieben Jahren Vater von sechs Kindern wird.

Als Maria Branwell ein Jahr nach dem Einzug in das Pfarrhaus von Haworth stirbt, endet das erste, keineswegs vielversprechende Kapitel der familiären Literaturgeschichte. Zu ihm gehören eine fromme Abhandlung der Verstorbenen über „Die Vorteile der Armut in religiösem Betracht“, anmutige Briefe, die sie an ihren Verlobten richtete, und neben Predigtsammlungen und Erzählungen religiös-erbaulichen und lehrhaften Inhalts zwei Gedichtbände Patricks Brontës, Überlebt haben diese literarischen Produktionen als Gerücht über fromme Langeweile und gutmütige Versschmiederei. Mit dem Tod seiner Frau endet Patrick Brontës literarische Tätigkeit.

Das nächste Kapitel des Brontë-Romans führt heraus aus dem engen Leben im Pfarrhaus von Haworth in die poetische Emigration, in eine zweite Welt der Illusion, führt weit weg auf phantastische Kontinente, die Angria und Gondal heißen, in eine abenteuerliche Welt von Liebe und Haß, Blut und Schwert, politischen Intrigen und Schlachtgetümmel, von Staatengründung, Umsturz, Verrat und Gefangenschaft, in eine Gesellschaft zwischen Schneewittchen, Napoleon, Amadis, Lord Wellington, Shakespeare und Robin Hood.

Es handelt sich um die Kopfabenteuer blasser kleiner Stubenhocker, um die poetischen Weltspiele der Kinder Charlotte, Branwell, Emily und Anne, die in der Einsamkeit des Pfarrhauses von Haworth aufwachsen, ohne Kontakt zu anderen Kindern, in Gesellschaft Erwachsener, des Vaters und der Tante, die sich schon zu den Mahlzeiten auf ihre Zimmer zurückziehen, betreut von der rauhen, aber ergebenen Magd Tabby, der Freundin ihrer Kindheit, erzogen von einem Vater, der den Kindern statt Bilderbücher seine Bibliothek, Zeitungen und Zeitschriften zur Verfügung stellt.

Roman des absoluten Gefühls

Kinder ohne Kindheit. Als er der vierjährigen Anne die Märchenfrage stellt, was sie sich am. meisten wünsche, antwortet sie: „Alter und Erfahrung.“ Die Brontës wachsen um das Tintenfaß herum auf. Der Werkkatalog der vierzehnjährigen Charlotte umfaßt 22 Titel, darunter ein Drama nach einer Fabel von Aesop, eine Übersetzung des ersten Buchs der „Henriade“ von Voltaire, Gedichte, Erzählungen und vier Bände irischer Legenden.

Diesen Kindern, die dem Schreibwarenhändler in Haworth den Laden leerkaufen, bringt der Vater eines Tages von einer Reise Spielzeugsoldaten mit. Die Holzfiguren entzünden ihre Köpfe und verwandeln sich in Reiseführer, denen die Kinder wie Süchtige folgen. Das exotische Angria, von Charlotte und Branwell literarisch verwaltet, ist wie Emilys und Annes nordisches Heideland Gondal ein poetisches Universum, das einer Baustelle gleicht Eine riesige literarische Reichsgründung mit eigener Geographie, Geschichte und Kultur. Die kindlichen Traume vom Besitz einer ganzen Welt erzwingen immer neue Komplettierungen. In Dramen, Gedichten, Briefen, fiktiven Biographien, aber auch mit Stadtansichten, Porträts und Landkarten werden die Nachrichten aus Angria und die „Gondal Chronicles“ ständig ergänzt und weitergeschrieben.

Angria und Gondal liegen dort, wo der Traum in Realität übergeht und sie hervorbringt. Er frißt sich ins Leben der Brontës und ersetzt es. Einen Ausflug nach York und Bradford erleben Emily und Anne als Kampf zwischen Royalisten und Republikanern um den Unterrichtspalast von Gondal Das reale Ereignis verschwindet hinter dem Tagtraum. Wie mobil Verdrängungs- und Kompensationsvorgänge sind, welcher immer neue Energieaufwand zu ihrer Erhaltung notwendig ist, zeigt die immense Angria- und Gondalproduktion der Brontës, die umfangreicher ist als alles, was die Familie sonst publizierte.

Der Weg aus der Wunschwelt Angrias und Gondals in eine erwachsene Lebenswirklichkeit ist keinem der Brontës wirklich geglückt, weder im Leben noch im Schreiben. Alle ihre Bücher, selbst Emilys „Sturmhöhe“, halten stillen Kontakt mit dem Stoff, aus dem ihre Angria- und Gondalproduktion gemacht war: mit dem Schicksals- und Schauerroman. Die vollständige Lösung von kindlich trivialen Schreibweisen ist selber der Realistin unter den drei Schwestern, Charlotte, nicht geglückt. Die Popularität eines Romans wie Jane Eyre“ hängt sicherlich mit seiner engen Nachbarschaft zur bürgerlichen Unterhaltungsliteratur zusammen.

Der Schritt aus poetischen Kinderträumen in die Prosa der realen Verhältnisse gelang den Brontës im Leben noch weniger als in der Literatur. Ihre Lebensversuche sind Todesarten.

Maria und Elisabeth, die beiden ältesten Kinder, sterben im Alter von zwölf und zehn Jahren, schwindsüchtig und heimwehkrank. So endet der Versuch Patrick Brontës, seinen Töchtern eine Schulerziehung zu verschaffen. Es ist die erste aus einer langen Reise von Abreisen und mißglückenden Ankünften. Am kläglichsten scheitert Branwell, der nie aufhört der byronisierende Earl of Northangerland aus dem Lande Angria zu sein. 1836 bricht er im Alter von 19 Jahren zu einen Kunststudium nach London auf, kommt aber nie dort an. Kurz nach seiner Heimkehr entsteht eine Angria-Erzählung, die von der langersehnten Reise seines Helden in die Hauptstadt Verdopolis berichtet. Doch „aus instinktiver Furcht, seinen Entzücken bei der Annäherung an die Wirklichkeit den Garaus zu machen“, betritt er die Stadt nicht. Er legt sich aufs Sofa, verträumt den Tag und betäubt sich abends mit Rum.

Branwell stirbt im Alter von 31 Jahren, von Alkohol und Opium zerrüttet, und hinterläßt ein paar mittelmäßige Ölgemälde und Zeichnungen, darunter die Porträts seiner Schwestern, die heute in der National Portrait Gallery in London hängen. Ein Leben in Romanform. Die Biographie Branwells, die Daphne du Maurier entlang der nackten Tatsachen (bei einigen Umgewichtungen auf Kosten der drei Schwestern) geschrieben hat, ähnelt einem ihrer mittleren Schauerromane.

Bei Branwells Beerdigung holt sich die um ein Jahr jüngere Schwester Emily den Tod. Obwohl die Schwindsucht in den folgenden Wochen rasende Fortschritte macht, weigert sie sich, einen Arzt zu konsultieren. Noch an ihrem letzten Lebenstag schleppt sie sich in das Eßzimmer, wo sie am Torffeuer, ihre Dogge Keeper zur Seite, zu lesen pflegte, Sie stirbt drei Monate nach Branwell, eins dreißigjährige weltfremde Pfarrerstochter, die schöne, auf einen hohen, einsamen Ton gestimmte Gedichte hinterläßt und eine der wildesten Liebesgeschichten der englischen Literatur: „Wuthering Heights“, „Sturmhöhe“.

Der Roman erzählt in einer bizarren Mischung aus Gondal-Poesie und einer kunstvoll distanzierenden, moderne Erzählformen ankündigenden Schreibweise die Geschichte von der Liebe als einem gewaltigen Naturgeschehen. Ein „Gewitter von einer Erzählung“, deren Verfasserin den Traum von der Apotheose des selbstbestimmten Menschen träumt. Er führt in ein Land der souveränen Herzen. In der Konzentration des Gefühls zeigt sich das Menschliche als dämonische, aber auch freie, poetische, ursprüngliche Natur, deren Rebellion sich auf ein anderes Leben richtet, Heathcliff, das Zentrum des Gefühlssturms, bricht als zigeunerhafter Fremder in die viktorianische Gesellschaft ein. So arbeiten die Gefühle als eigensinnige Gesellschaftspraktiker.

Der Roman war fremd in seiner Zeit. Kein Wunder, seine Verfasserin lebte in ihr, ohne zu ihr zu gehören. Emily war in der Welt rettungslos verloren; darum ließ sie sich gar nicht erst auf sie ein. Auf der Schule in Roe Head, deren Kosten Charlotte als Lehrerin verdiente, hielt sie es ein halbes Jahr aus. Ebenso schnell endete ihr Versuch, als Lehrerin zu arbeiten. „Ein Vermittler hätte stets zwischen ihr und der Welt stehen müssen“, schreibt ihre ältere Schwester Charlotte später.

Im Pensionat Heger in Brüssel, das die beiden besuchten, blieb sie eine Fremde. Zum Seefahrer hätte sie nach Meinung ihres dortigen Lehrers getaugt, wäre sie ein Mann gewesen. Doch der einzige Ort, an dem sie zu leben vermochte, war das von Gräbern umgebene Pfarrhaus von Haworth, das sie nur zu Kirchbesuchen und langen Heidespaziergängen verließ. Aus der „Welt da unten“ ließ sie sich von Charlotte berichten.

So wenig wie die leibhaften, glückten die literarischen Kontakte mit der Viktorianischen Gesellschaft. Von den Gedichten, die die Schwestern hinter dem Rücken von Vater und Bruder unter den Pseudonymen Currer, Ellis und Acton Bell 1846 publizierten, werden ganze zwei Exemplare verkauft. „Wuthering Heights“ erscheint ein Jahr vor ihrem Tod und ist ein Mißerfolg. Emily und ihre Zeit haben sich nicht kennengelernt.

Als Emily stirbt, erkrankt Anne. Den Tod ihrer sympoetisierenden Gondal-Gefährtin und Lieblingsschwester überlebt die jüngste, sanfteste, stillsie und frömmste der Schwestern, der „darling of the home“, nicht einmal ein halbes Jahr.

Als einzige der Brontës war Anne kinderlieb. So sind ihre Versuche, als Erzieherin zu arbeiten, verhältnismäßig erfolgreich gewesen. Neun Monate hält sie es bei den Inghams in Mirfield, ganze vier Jahre bei den Robinsons in Thorp Green aus. Dazwischen liegt die glücklichste Zeit ihres Lebens, ein knappes Jahr, das sie in Gesellschaft ihrer wiederum zu Hause gestrandeten Geschwister und des jungen Reverend Weightman verlebt, in den sie sich verliebt. Er erfährt nie etwas von ihren Gefühlen. So wenig wie ihre Schwestern glückt ihr eine Liebesbeziehung.

Als sie stirbt, hinterläßt sie zwei Romane, die vorgeschriebene Rollenbilder, Versagungen und Kontrollen des Weiblichen, in ihr moralisches Programm willig übernehmen. Es sind Geschichten weiblicher Empfindsamkeit, deren gehorsame Figuren mit dem belohnt werden, was die viktorianische Gesellschaft verhinderte: soziale Beweglichkeit, überhaupt Bewegungsmöglichkeiten. Die Liebe als schwacher Abglanz dessen, was die Welt einmal war, verleiht ihrer enthaltsamen Tugendweit den Schein des Paradiesischen.

„Agnes Grey“ und „The Tenant of Wildfell Hall“ sind Erbauungsromane im Stile Richardsons, Erzählungen von edlen Frauen, wahren Lichtgestalten, die ihren unwürdigen Männern bis in den Tod die Treue halten, um dann ihr verdientes Glück zu finden, und von armen Pastorentöchtern, die als Erzieherinnen unter der Bosheit ihrer Brotgeber leiden, armen Bauern aus der Bibel vorlesen und den Aufstieg und Fall weiblicher Hoffahrt erleben, bevor sie in den Hafen einer gottgefälligen Ehe einlaufen.

Beide Romane gelten als Seitenstücke der Brontë-Literatur. Dennoch gehören sie nicht in die literarhistorischen Rumpelkammern, in denen sie verschwunden sind. Als Geschichten weiblicher Fremdheit, mit dem Typus der in der Welt Ausgesetzten haben sie einen modernen, freilich unausgeführten Erzählansatz.

Das Motiv verbindet Annes Bücher mit denen Charlottes. Agnes Grey und Helen Graham (aus „The Tenant of Wildfell Hall“) sind Verwandte Jane Eyres, der Titelheldin des meistgelesenen aller Bücher der Brontës. Jane Eyre wächst als verachtete Waise auf. Aus ihrem Aschenputteldasein als Erzieherin wird sie schließlich durch die Romanze mit ihrem adligen Brotherrn erlöst. Lucy Snow, die Heldin aus Charlottes Roman „Villette“, geht, arm und verwaist, als Lehrerin nach Belgien, wo sie Charlottes unglücklichen Liebesroman mit ihrem Brüsseler Lehrer nacherlebt. „Villette“ ist eine Internatserzählung, zu deren Höhepunkt die Schilderung einer durch Villette-Brüssel irrenden Lucy gehört, die in ihrer trostlosen Einsamkeit dort Hilfe sucht, wo sie als stolze Protestantin am wenigsten hingehört, in einem Beichtstuhl.

Charlottes Frauen, zu denen der notdürftig als Mann verkleidete William Crimsworth in „The Professor“ gehört, sind Waisen in einem doppelten Sinn, Ihre Autorin holt sie heraus aus dem Haus, aus der Familie, aus dem privaten Leben und schickt sie in die Öffentlichkeit. Charlotte, die mit Jane Eyre“ den ersten englischen Roman schreibt, der in Ichform weibliches Leben im sozialen Gefüge beschreibt, läßt ihre Figur erklären: „Frauen gelten im allgemeinen als ruhig und sanft, aber sie fühlen nicht anders als Männer. Sie müssen ihre Fähigkeiten erproben können und brauchen ein Wirkungsfeld so gut wie ihre Brüder; sie leiden unter zu starrem Zwang und völligem Stillstand nicht minder als Männer. Es ist engherzig, zu sagen, sie sollten sich aufs Puddingkochen und Strümpfestricken beschränken oder Klavier spielen und Beutel sticken. Und es zeugt von Gedankenlosigkeit, sie zu verurteilen oder über sie zu lachen, wenn sie mehr tun und zu lernen versuchen, als die Sitte für ihr Geschlecht notwendig erachtet.“

Aber mit der Familie verlieren diese Frauen auch alte Unterkünfte, ihre heimatliche Existenz. Charlottes weibliche Waisen- und Exilfiguren, die, aus dem häuslichen Gefängnis entlassen, in Konflikt mit ihrer neuen Freiheit geraten, sind Abbildungen weiblicher Ängsie bei der Suche nach der eigenen Identität. In der modernen Emanzipationsliteratur ist deren Darstellung von der feministischen Ideologie weitgehend verhindert worden.

Alle Figuren Charlottes folgen den vorhandenen, von der Vernunft aufgestellten Wegweisern weiblicher Emanzipation, einem Zusammenspiel von Wissen und Tugend, dem Glück versprochen wird. Das zeitgenössische Liebestheater in der Literatur macht sie nicht mit. Ihre Liebesgeschichten sind Erziehungsromane, Geschichten von Lernenden, zu deren schönen Erwerbungen die Liebe gehört. William Crimsworth und seine junge Frau gründen gleichzeitig eine Familie und eine Schule. Lucy Snow und Paul Emanuel in „Villette“ sind Kollegen am Pensionat Beck. Der Roman beschreibt heftige, als Unterricht maskierte Eifersuchtsszenen. Caroline und Robert Moore in „Shirley“ führt der Französischunterricht zusammen, den Caroline gemeinsam mit Moores Schwester nimmt. Die Verbindung Shirleys mit Louis Moore ist eine Liebesgeschichte zwischen Lehrer und Schülerin.

In Charlottes Roman harmonisieren die Ansprüche der inneren Natur mit dem Vernunftprinzip, Doch der Leim, den sie verwendet, halt nur auf dem Papier. Im Leben gelingt ihr die Verbindung von geistiger Produktion und privatem Glück nicht. Alle Versuche einer Existenzgründung scheitern. Ihr Dasein als Lehrerin ist eine Geschichte von Anfängen und Abbrüchen. Der Plan einer eigenen Schule, mit dem die beiden Brüssel-Aufenthalte zusammenhängen, wird alsbald aufgegeben.

Die berühmte Autorin von Jane Eyre“ faßt nicht Fuß Im literarischen Leben. Ihre Reisen nach London sind Reisen in die Fremde, ihre Auftritte in der Londoner Gesellschaft eine Quälerei. Thackeray, der ein Abendessen für sie gibt, stiehlt sich nach einer Weile erschöpft davon und verbringt den Rest des Abends in seinem Club.

Einsames Sterben

Erst recht hat sie mit der Liebe ihre liebe Not Ihre Gefühle für ihren Brüsseler Literaturprofessor Constantin Heger werden nicht erwidert Die Heiratsanträge zweier Geistlicher und ihres Londoner Verlegers lehnt sie ab. In dem leeren Pfarrhaus von Haworth aber, allein mit ihrem eigenbrötlerischen Vater, wird sie von quälender Schlaflosigkeit und schweren Angstzuständen heimgesucht.

Schließlich heiratet sie im Alter von 38 Jahren den Vikar ihres Vaters, Arthur B. Nicholls, den sie für „geistig beschränkt“ hält. Mit ihren Büchern hat er nichts im Sinn. Er habe nicht den Romanschriftsteller Currer Bell geheiratet, sondern Charlotte Brontë, die Tochter eines Geistlichen, antwortet er einer Freundin seiner Frau, die gegen seine Versuche protestiert, Charlotte die Feder aus der Hand zu nehmen.

Ein Jahr nach ihrer Hochzeit, bevor ihr Kind geboren wird, stirbt Charlotte wie ihre Schwester an Schwindsucht. Die glücklichere Lebensform der Brontës, die literarische, gehört der Zukunft.

In Deutschland allerdings haben sie es auch mit ihren Büchern nicht leicht gehabt. Arno Schmidt setzte sich für die „taubengrauen Schwestern“ ein. Aber der Deutsche Buchhandel führt bis auf den heutigen Tag weder „The Professor“ noch „Shirley“, weder „Agnes Grey“ noch „The Tenant of Wildfell Hall“. 140 Jahre haben die Gedichte Emilys für den Weg in deutsche Verlage benötigt. Die einzige (unzulängliche) Biographie der Brontës in deutscher Sprache, die zugänglich ist, kommt aus Frankreich und stammt aus dem Jahr 1941. Ein englisches Verzeichnis der Bücher von und über die Brontës erschien 1978 im Hodgkins Verlag, London.

Bücher der Brontës im Buchhandel:

Charlotte Brontë: Jane Eyre“, Roman, aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Paola Meister-Calvino, mit einem Nachwort von Mary Hottinger; 1963; 579 S., 26,60 DM

Charlotte Brontë: „Villette“, Roman, aus den Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Ilse Leisi; 1984;852 S., 29,90 DM

Emily Brontë: „Die Sturmhöhe“, Roman, aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Siegfried Lang; 1973; 536 S., 28,80 DM

Alle in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Manesse Verlag, Zürich

„Die Sturmhöhe“, Roman, aus dem Englischen von Grete Rambach; Insel Verlag, Frankfurt, 1983; 368 S., 32 DM (und als Insel-TB Nr. 141 für 10 DM)

Emily Brontë: „Gedichte/Poems“, aus dem Englischen von Elsbeth Orth; Popa Verlag, München, 1984; 195 S., 12 DM

Taschenbuchausgaben:

Jane Eyre“, Roman; Caesar Verlag, Wien, 1980; 360 S., 14,80 DM

Jane Eyre“, Roman, aus dem Englischen von Elisabeth von Art und mit einem Nachwort von Peter Krumme; Ullstein TB, Ullstein Verlag, Frankfurt, Berlin, Wien, 1981; 351 S., 9,80 DM

Jane Eyre“, Roman, mit einem Nachwort von Norbert Kohl; Insel TB Nr. 813; Insel Verlag, Frankfurt, 1985; 320 S., 12 DM

Die englischen Originalausgaben sind erschienen bei Dalesman, London (Charlotte), bei Macmillan, London (Anne), und als Penguin-Taschenbücher (Emily, Charlotte).

Über die Familie Brontë:

Robert de Traz: „Die Familie Brontë“, aus dem Französischen von Maria Arnold, mit einem Beitrag von Mario Paz; Matthes & Seitz Verlag, München, 1984; 288 S., 32 DM

Daphne du Männer: „Doch mich verschlang das wild’re Meer. Der Lebensroman des dämonischen Branwell Brontë“, aus dem Englischen von N.O. Scarpi; SV international/Schweizer Verlagshaus, Zürich, 1982; 245 S., 34,80 DM

Yablon und Turner: „Brontë-Bibliography“; Hodgkins Verlag, London, 1978; ca. 100 DM