Von Cordt Schnibben

Der Mann hat drei Probleme: Er sieht aus wie Karl Marx. Er ist soeben gestorben. Gott will ihn zum Weihnachtsmann machen.

Der Mann nimmt den Job an, unter solchen Umständen eine durchaus vertretbare Entscheidung, doch leider hat sie zur Folge, daß der schlechteste Film aller Zeiten wie geplant seinen Lauf nehmen kann. Seine Frau wird ihm gratulieren ("Ich bin stolz auf dich"), so, als sei er Bundestrainer oder mindestens Bundeskanzler geworden, und mit Tränen in den Augen schluchzen: "Nie haben wir Kinder gehabt, und jetzt haben wir alle Kinder dieser Welt..." Mein Gott, das Kindergeld!

Weil es ein amerikanischer Film ist, wird der Weihnachtsmann "Santa Claus" heißen, wie der Film, und zur Bescherung nur New York anfliegen (herrliche Luftaufnahmen!). Was natürlich die Produzenten nicht daran hindert, den Film in 68 Ländern laufen zu lassen, damit die Kinder dieser Erde, während sie auf die Bescherung warten, über die "historische Legende" aufgeklärt werden, authentisch erfahren, wo der Weihnachtsmann wohnt, wie er auf die Erde kommt, wie ihn die Wunschzettel erreichen, wer das Spielzeug bastelt, was zu tun ist bei Reklamationen und so weiter. Alle Fragen, die Kinder – Weihnachten betreffend – je gestellt haben, werden rücksichtslos beantwortet. Oh, Gott, warum hast du diesen Film nicht verhindert?

Weil alles nicht stimmt, weil alle Antworten falsch sind. Dieser Film ist eine einzige Irreführung, ein Ablenkungsmanöver, eine Weihnachtskampagne der Verschleierung. Wer die Wahrheit erfahren will, darf nicht ins Kino gehen, sondern muß nach Demre fahren, an die Türkische Riviera. Dort kommt er her, der Mann im roten Mantel Dort hat er, wie man hört, gelebt, und dort soll er auch – traurig, aber wahr – gestorben sein.

Egal, ob man sich dem Tal des Weihnachtsmannes von Antalya oder von Fethiye her nähert, von oben sieht Demre aus wie eine endlose, verglaste Fabrikanlage. Doch nicht Glas reflektiert die Sonne, sondern Plastik, und nicht etwa Spielzeug wird hier fabriziert, sondern Tomaten werden angebaut. So weit das Auge reicht – Tomaten unter Plastikplanen. Äpfel, Nuß und Mandelkern essen alle Kinder gern – kein Adventsgedicht erwähnt die Tomaten! Warum? Und warum erfährt man nirgends, daß Weihnachtskarpfen eigentlich mit Schrot erlegt werden müssen? Denn hier, im Ursprungsort aller Bescherung, fischen die Männer mit der Flinte. Sie stehen rund um den großen See vor dem Dorf und ballern von Zeit zu Zeit ins Wasser, mit mäßigem Erfolg allerdings.

Fragen nach dem Mann in Rot werden von den schießenden Fischern mit Achselzucken und der Aufforderung beantwortet, sie zu photographieren. Kurz vor der Stadt stoppen zwei finstere Soldaten meinen Wagen. Wo bitte geht’s zum Weihnachtsmann? Sie deuten mit ihren MPs nach rechts. Kaum rechts abgebogen, winken Kinder am Straßenrand. "Noll Baba?!!" schreien sie und zeigen nach links. Nach einigen hundert Metern: ein Militärpolizist. Seine MP weist geradeaus, na bitte. Doch schon bald will mich ein Wirt in die entgegengesetzte Richtung schicken. Langsam bekomme ich das Gefühl, daß es hier mindestens zwei Weihnachtsmänner geben muß. Wie gut, daß ich Mustafa treffe.