ZEIT: Nach Ihrer neuesten Modellrechnung könnte die Steuerlast zwischen 1989 und 1995 um weitere 60 Milliarden Mark gesenkt werden. Halten Sie es für möglich, daß die Bedingungen, unter denen das gelingen kann, politisch durchsetzbar sind – Wachstum plus fünf Prozent, Zuweisungen an die Europäische Gemeinschaft von 1989 an gleichbleibend, Ausgabenzuwachs höchstens 3,3 Prozent?

Stoltenberg: Ein nominales Wachstum von durchschnittlich fünf Prozent ist bei allen Risiken keine zu optimistische Erwartung. Schon 1986 dürfte nach allen Prognosen das nominale Wachstum etwa bei 5,5 Prozent liegen. Wir können nicht ausschließen, daß es später auch einmal darunter liegt.

Der Europäischen Gemeinschaft (EG) übertragen wir 1986 und 1988 erhebliche Steueranteile des Bundes. Auch wenn dann für längere Zeit an dieser Steuerverteilung festgehalten wird, werden die Einnahmen der EG ja steigen. Eine stärkere Haushaltsdisziplin muß schrittweise in der EG durchgesetzt werden.

In der Hand der Politiker liegt die Wachstumsrate der öffentlichen Ausgaben. Ich wollte eine klare Alternative beschreiben. Wenn die Ausgaben um vier statt um 3,3 Prozent zunehmen würden, halbiert sich der Spielraum für die Steuerentlastung. Es geht also um eine Richtungsentscheidung bis weit in die 90er Jahre hinein: Entweder Rückführung der Staatsquote und der Ausgabenquote oder wieder stärkeres Ausgabenwachstum.

ZEIT: Die Gefahr ist doch groß, daß im Vorwahljahr viele Politiker, auch solche in Ihrer Partei, der Neigung nicht widerstehen können, ein Füllhorn teurer Wohltaten auszuschütten. Oder sind Sie optimistischer?

Stoltenberg: Ich bin optimistisch nach der Verabschiedung des Bundeshaushalts 1986 mit einem Ausgabenwachstum von rund zwei Prozent. Bei einigen Ländern wird die Marke von drei Prozent schon überschritten. Das gilt auch für viele Kommunen. Ich will sie mit der Studie darauf hinweisen, daß sie sich auf ein Konzept periodischer Steuerentlastungen einstellen und deshalb auch ihre Ausgabenpläne vorsichtiger gestalten sollten – auch im Wahljahr.

Der entscheidende Punkt ist, daß unsere Staatsquote zu hoch ist. Im Vergleich zu den USA, Japan und der Schweiz ist sie um mehr als zehn Prozent des Bruttosozialprodukts hoher, Wir müssen sie langsam zurückfahren, um die Grundlage unserer Volkswirtschaft zu festigen und die Probleme des Arbeitsmarkts sowie der sozialen Sicherungen in den 90er Jahren lösen zu können.