Was geschah wirklich in Genf zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow? Und was bringt beides die Zukunft? Die Antwort gibt einer unserer Leser, den wir mit der ZEIT-Maschine In Jahr 1995 entsandten.

Genf 1995, im November: Kein Genfer wundert sich mehr über die beiden Männer – groß gewachsen, aber vom hohen Alter gebeugt der eine, klein und gedrungen der andere, geschickt und kräftig genug, um seinen Partner zur Not zu stützen. So spazieren sie jeden Nachmittag, wenn das Wetter es zuläßt, über die Promenade du Lac und durch den Jardin Anglais, stets in Gespräch vertieft Immer wieder bleiben sie stehen, zeichnen mit den Armen ballistische Bahnen in den schweizerischen Himmel oder mit ihren Spazierstöcken Landkarten in den Sand am Seeufer. Manchmal scheint es, als stritten sie, dann wieder reichen sie sich versöhnlich die Hände und betreten schließlich mit entspannten Mienen ihr Stammcafé.

Zwei von vielen wohlhabenden Pensionären, so mögen unsere jüngeren Leser denken; zwei alte Herren, die hier in Genf ihren Lebensabend verbringen. Und doch hat es mit den beiden eine besondere Bewandtnis: Vor zehn Jahren bewegte ihr Zusammentreffen die Menschheit. Da gingen sie, beide auf dem Gipfel ihrer Macht, einen Schritt zu weit – und stürzten jäh in die Bedeutungslosigkeit hinab.

Erinnern wir uns an Genf im November 1985. Der amerikanische Präsident traf sich zu Verhandlungen mit dem Generalsekretär der KPdSU. Die Augen der Welt blickten auf die beiden Männer. Aus den Erzählungen der Kollegen, die damals als Berichterstatter dabeiwaren, spricht noch heute die Dramatik der Ereignisse: Wie die Unruhe unter den Reportern und Sicherheitskräften wuchs, als das erste Vieraugengespräch, vom Protokoll auf 15 Minuten veranschlagt, kein Ende nehmen wollte. Um zehn Uhr waren die amerikanischen Limousinen bei der sowjetischen Botschaft vorgefahren, um vierzehn Uhr verteilte die Schweizer Armee Erbsensuppe an die wartenden Journalisten, unter die sich inzwischen auch etliche zur Untätigkeit verurteilte Mitglieder der amerikanischen Delegation gemischt hatten. Ihre sowjetischen Kollegen, so hörte man, würden in der Botschaftsküche notdürftig verköstigt.

Gegen 18 Uhr eilten mit ratlosen Gesichtern die Kommentatoren aus aller Herren Länder in ihre Behelfsstudios Während sie sich vor den Kameras quälten, wurde vom Verhandlungen gemeldet, daß ein Koffer des Präsidenten, später auch kubanische Zigarren und alkoholische Getränke in die Sowjetbotschaft gebracht wurden.

Am nächsten Morgen hatte sich die Situation nicht verändert. Freiwillige des schweizerischen Jugendherbergswerks sammelten die Wolldecken wieder ein, die den Wartenden während der kalten Nacht zur Verfügung gestanden hatten. Das Vieraugengespräch – so sickerte durch – hielt an.

Um elf wurden in zwei Hotels Pressekonferenzen des führenden amerikanischen Ost- und des maßgeblichen sowjetischen Westexperten abgehalten. Noch einmal rekapitulierten beide Seiten ihre Positionen, von denen man nicht abzurücken gedenke.