Von Peter Grubbe

Eine Biographie Konrad Andenauers war überfällig. Der erste Kanzler der Bundesrepublik ist, keine zwei Jahrzehnte nach seinem Tod, längst zu einer Legende geworden. Aber Millionen junger Bundesbürger kennen ihn nur vom Hörensagen. Und Millionen älterer, die ihn während seiner Regierungszeit unterstützt oder auch bekämpft haben, und die jetzt einen Nachfolger erleben, der sich selbstgefällig als sein politischer Enkel bezeichnet, fragen sich heute: Was war "der Alte" eigentlich für ein Mann? Was bestimmte sein Handeln? Wie stellte er sich den Staat vor, an dessen Spitze er sich in der Zeit seines Entstehens so zielstrebig und geschickt manövriert hatte? Und wie hätte sich die Bundesrepublik entwickelt, wäre damals ein anderer an ihre Spitze gekommen?

Peter Koch, zur Zeit der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher einer der beiden Chefredakteure des stern, gibt in seinem Buch über Adenauer darauf keine Antwort oder jedenfalls nur in sehr beschränktem Maße. Aber er macht neugierig darauf. Wer Kochs Buch über Adenauer gelesen hat, möchte mehr über den ersten Kanzler der Bundesrepublik erfahren. Das klingt paradox. Aber, in diesem Paradox liegt eines der wichtigsten Verdienste des Buches.

Man merkt dem Buch an, daß es als Serie geschrieben wurde, und zwar für den Spiegel. Das entwertet es jedoch nicht, sondern rückt es nur in eine andere Kategorie. Daß der Spiegel es dann nicht druckte, lag nicht etwa an mangelnder Qualität des Manuskripts, sondern hatte "magazin-interne" Gründe. Peter Koch beschreibt Adenauer, wie er handelte, wie er Entscheidungen fällte, wie er reagierte, taktierte und, wenn es ihm nötig erschien, auch intrigierte. Die politischen Hintergründe und die politischen Auswirkungen der Legende Konrad Adenauer macht der Autor dagegen nur in sehr beschränktem Maße deutlich. Er ist kein Wissenschaftler, sondern Journalist. Er analysiert nicht den Politiker, sondern er schildert den Menschen. Er beschreibt die Außenseite des Mannes. Er präsentiert einen Adenauer zum Anfassen, könnte man es vielleicht ausdrücken, und macht nachdenkliche Leser dadurch neugierig auf das, was hinter dem Sichtbaren steckt.

Der spätere erste Bundeskanzler stammte aus kleinbürgerlicher Familie. Der Vater hatte es vom Landarbeiter zum Militärkanzleirat gebracht. Im Hause der Eltern ging es knapp und einfach zu. Konrad mußte als Junge angeblich bis zu seinem 17. Lebensjahr mit seinen beiden Brüdern in einem Bett schlafen, eine Behauptung, die seine Schwester Libeth als "sehr übertrieben" kritisiert hat, die der "Alte" trotzdem bis in seine letzten Lebensjahre hinein wiederholte, weil sie ihm offenbar vorteilhaft für sein Image erschien.

Sein Studium der Jurisprudenz absolvierte Adenauer mit "akademischem Drill", wie der Autor berichtet. Mit den Füßen in kaltem Wasser büffelte er über seinen Büchern, brachte es beim Assessorexamen am Berliner Kammergericht aber trotzdem nur zu einem "ausreichend". Daher konnte er die Richterlaufbahn, die ihm wohl zunächst vorschwebte, nicht einschlagen. Statt dessen trat er in die Kanzlei des bekannten Kölner Rechtsanwalts und Zentrumspolitikers Herrmann Kausen ein. Der verhalf ihm 1906 zu dem Posten eines Beigeordneten im Kölner Stadtrat, nachdem Adenauer sich ihm, der eigentlich einen anderen für den Posten vorgesehen hatte, mit den Worten präsentierte: "Warum nehmen Sie nicht mich? Ich bin bestimmt genau so gut wie der andere."

Elf Jahre später wurde Adenauer in Köln Oberbürgermeister. Den Weg dorthin hatte ihm sein Onkel und Vorgänger auf diesem Posten, Max Wallraf, geebnet. Als Wallraf zögerte, sich von seinem Amt zu trennen, sorgte der Neffe durch Kontakte zu lokalen Politikern anderer Parteien dafür, daß der Onkel ihm schließlich Platz machte und als Staatssekretär nach Berlin ging.