Die Konfektionsanzüge aus Amerika, Deutschland und Italien hatten keine Weste, und zum Jahreswechsel wollte ich endlich einmal alles Irreguläre und Unkonventionelle mit dem Schrei nach Individualität und Bequemlichkeit auf den Kleiderbügeln hängen lassen. Deshalb zog ich einen Maßanzug aus einem Plastikbeutel, dunkelblau mit Weste und Nadelstreifen an. In London hatte ich ihn mir machen lassen, und bei der Anprobe hatte der Schneider gesagt: "Die kleinste Abweichung könnte zur Katastrophe führen." Er war ein Pedant des Maßes und der Naht.

Nun trug ich ein Stück England am Leibe. Wirkte der Anzug nicht wie eine Läuterung und machte skeptischgegen alles Dynamische, Leidenschaftliche und Windige? Als wir zu Hause ankamen, hatten die Selbstverwirklichungsfanatiker das .Wort ergriffen und predigten in verschrumpelten Hosen und offenem Hemd, daß man der Natur gegenüber sämtliche Vorurteile fallenlassen müsse und Traditionen zu meiden hätte, denn sie stünden auf wackeligen Füßen. Und ich besaß einen Maßanzug aus London. Er blieb der einzige Luxus, den ich mir im Ausland geleistet hatte.

Fast fünfzehn Jahre waren inzwischen vergangen. Vor dem Spiegel probierte ich gewissermaßen Geschichte an und schlüpfte ohne die geringsten Anstrengungen hinein. Die Gäste auf der Silvesteiparty würden sich wundern... Sie kamen auch nicht zu dicht an mich heran, denn mein Anzug verriet jedem, daß mit mir keine Exzesse möglich sind.

Ob der Anzug etwas Formloses in eine Form brachte? Mein Atem ging langsamer, die Brust war nicht eingeschnürt, eher gewappnet. Gleich würde es zwölf schlagen, mein Anzug zwang mich jedoch zur Duldsamkeit, Festigkeit und Höflichkeit. Dann wurde in den neuen Kreationen ringsherum auf Gesundheit, Glück und Frieden angestoßen, aber der ganze Lärm prallte an uns beiden ab. Ich hob mein Glas, faßte den Anzug am Revers, zupfte daran und sagte von oben herab: "Cheers, old chap."