Freiburg

Hanspeter Schweizer, Besitzer einer kleinen Druckerei in Kirchzarten bei Freiburg, brachte im Frühjahr 1984 eine ungewöhnliche Postkarte heraus. Das Motiv: ein Schwarzwald-Mädel mit Gasmaske. Im Hintergrund: sterbende Tannen, Baumstümpfe, verdorrte Landschaft. Schweizer sah darin die "gelungene künstlerische Darstellung einer Schreckensvision".

1000 Exemplare hatte er drucken lassen. Doch im Dezember 1984 stellte er den Verkauf "aus purer Bequemlichkeit" ein. Gerade 130 der bissigen Grußkarten hatte er bis dahin absetzen können.

Monate später gab es plötzlich einen Sturm der Entrüstung. Eine der 130 verkauften Postkarten war einem Mitarbeiter des Fremdenverkehrsamts Waldkirch in die Hände gefallen. Der legte Schweizer sofort "wärmstens ans Herz, die Karte nicht weiter zu vertreiben". Sie gefährde durch die überzogene Darstellung der Situation in den Wäldern den Fremdenverkehr. Größere Aufträge, so erinnert sich der Drucker heute an das Ende des Gesprächs, dürfe er aus Waldkirch nicht mehr erwarten.

Wiederum Monate später geriet eine Postkarte auf den Schreibtisch von Kirchzartens Bürgermeister von Oppen. Der ist "geradezu entsetzt", wie er in einem Brief an Schweizer mitteilte. "Dem Wald ist nicht dadurch geholfen, daß wir Besucher aus anderen Gegenden auf unser Problem hinweisen." Mit dieser "eindeutigen Negativwerbung für unseren Schwarzwald", lautete der amtliche Befund, werde "die Grenze der Geschmacklosigkeit überschritten". Und weil der Fremdenverkehr "ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist", sei es "sicher in unser aller Interesse, wenn Sie diese Karte nicht weiter vertreiben".

Weil sich die kleine Druckerei einen Boykott der Gemeinde nicht leisten kann, schrieb Hanspeter Schweizer konziliant zurück, er habe schon vor der Einstellung des Verkaufs erkannt, daß die Karte "wirklich nicht das richtige Mittel ist", um auf das Waldsterben hinzuweisen.

Aber eine Lawine ist, einmal losgetreten, nicht mehr zu stoppen. Das Bild des Trachtenmädchens mit Gasmaske wurde im Schwarzwald zum Stammtischthema. Ein Protestbrief aus Todtnauberg ("Hier wird versucht, den Schwarzwaldurlauber fernzuhalten, durch gezielten Rufmord dieser Region den Garaus zu machen") mobilisierte Kommunalpolitiker der umliegenden Gemeinden.