Von Joachim Wagner

Wir müssen darum bitten", heißt es im Gutachten eines Erziehungsheims, "Christian unverzüglich wieder in Untersuchungshaft zu nehmen, um zu verhindern, daß durch ihn ein nicht wiedergutzumachender Schaden entsteht... Wir sind uns darüber im klaren, daß Christian mit einer erneuten Anordnung der Untersuchungshaft wahrscheinlich auch nicht geholfen ist, sehen uns aber im Interesse unserer Jugendlichen und Mitarbeiter zu diesem Schritt genötigt."

Christian ist ein Kind, 14 Jahre alt. Weil Eltern und Heime mit ihm nicht mehr zurechtkamen, baten seine Erzieher den zuständigen Haftrichter, ihn offiziell in Untersuchungshaft zu nehmen. "Die Jugendhilfe verlagert ihre Verantwortung auf die Strafjustiz", kommentiert der Hamburger Jugendrichter Diethmar Raben. Kein Einzelfall. "Für mindestens 20 Prozent" der Kinder war die Untersuchungshaft in niedersächsischen Gefängnissen zum Beispiel die "letzte Station" – von ihren Eltern abgeschoben und den Erziehungsheimen abgewiesen. Das ist das erschreckendste Ergebnis der Studie "Untersuchungshaft bei 14- und 15jährigen in Niedersachsen". Diese erste wissenschaftliche Analyse der Anordnung – nicht des Vollzuges – von Untersuchungshaft bei Kindern lag in den Händen der Psychologin Monica Steinhilper, Referentin für "Planung, Forschung und soziale Dienste" im Hannoveraner Justizministerium.

Der Anlaß, die Strafakten von den 271 zwischen 1977 und 1982 inhaftierten Kindern auszuwerten, war der Selbstmord des 14jährigen Türken Nafiz in der Haftanstalt Vechta am 11. Mai 1983 (ZEIT vom 22. Juli 1983). Erst sein Freitod öffnete der Justizverwaltung in Hannover die Augen für die psychische Not von Knastkindern und einen illegalen Zustand: Bis 1983 wurden in Niedersachsen wie anderen Bundesländern im Widerspruch zum Jugendgerichtsgesetz weder geschlossene noch offene Heime als Alternative zur Untersuchungshaft in ausreichendem Maße angeboten. Engagierte Jugendrichter mußten häufig in Bremen oder Hamburg nach Heimplätzen suchen, um Kindern die bedrückende Begegnung mit dem Knast zu ersparen. Denn für 98 Prozent der 14- und 15jährigen war die Untersuchungshaft in Stade oder Bückeburg die erste Hafterfanrung. Gerade in diesem Alter lösen der Verlust der persönlichen Freiheit, der Abbruch sozialer Bindungen, vor allem aber die Trennung von Eltern und Freunden schwere seelische Krisen aus. Kein Wunder also, wenn die Psychologin Steinhilper in den ausgewerteten Akten Indizien für mindestens fünf weitere Selbstmordversuche von Kindern in der U-Haft entdeckt hat.

Im Vergleich zu anderen Bundesländern steht Niedersachsen nicht einmal schlecht da. Es hat die niedrigste Untersuchungshaftrate bei Jugendlichen und Heranwachsenden im gesamten Bundesgebiet. Während zwischen Braunschweig und Emden nur jeder fünfzigste der nach dem Jugendgerichtsgesetz Verurteilten in U-Haft mußte, war es in Baden-Württemberg jeder achtzehnte, in Bremen gar jeder achte. Diese regionalen Unterschiede sind bei Jugendlichen größer als bei Erwachsenen. Bei Jugendlichen und Heranwachsenden verhaften die Richter nach jüngsten kriminologischen Erkenntnissen noch schneller und häufiger als bei Erwachsenen. Frieder Dünkel, Kriminologe beim Max-Planck-Institut für Strafrecht in Freiburg, hat errechnet, daß bis 1983 zeitweise mehr 14- bis 17jährige Jugendliche in Untersuchungs- als in Strafhaft saßen. Während das Verhältnis von Untersuchungs- zu Strafgefangenen bei Jugendlichen Anfang der achtziger Jahre ungefähr ausgeglichen war, betrug es bei Erwachsenen eins zu drei. In Hamburg und Rheinland-Pfalz, den Ländern mit den höchsten Haftraten, saßen 1983 sogar 59 beziehungsweise 60 Prozent aller Jugendlichen nicht in Straf-, sondern in U-Haft.

Daß die Untersuchungshaft bei Jugendlichen und Heranwachsenden noch stärker als bei Erwachsenen mißbraucht wird, hat vornehmlich drei, sich überschneidende Ursachen: Die Haft- und Jugendrichter verstoßen massenhaft gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit; sie schicken jugendliche Fixer oder Autoknacker häufig aus gesetzesfremden Erwägungen vorübergehend ins Kittchen; und sie übernehmen – teils freiwillig, teils unfreiwillig – Aufgaben, an denen Familie und Jugendhilfe zuvor gescheitert sind.

Von den in Niedersachsen verhafteten Kindern, die durchschnittlich zwei Monate in U-Haft blieben, wurden nur gut 60 Prozent zur Jugendstrafe verurteilt und nur ein Drittel mußte später tatsächlich eine Freiheitsstrafe verbüßen. Auch wenn ein Richter nach einem Strafprozeß naturgemäß klüger ist als beim Erlaß des Haftbefehls, so bleibt doch unerfindlich, warum die Jugendrichter so unverhältnismäßig häufig von zu hohen Straferwartungen ausgegangen sind. Dieses Mißverhältnis ist weder von den Voraussetzungen noch von den Folgen plausibel zu erklären. Im Gegenteil: 40 Prozent der Knastkinder waren vor ihrer Straftat sozial nicht auffällig und der Jugendhilfe unbekannt, fast die Hälfte war strafrechtlich nicht vorbelastet, und für 37 Prozent der Kinder blieb die U-Haft die einzige Hafterfahrung. Gab es für diese Gruppen wirklich keine Alternative zum Gefängnis, keine erzieherischen Maßnahmen, keinen Jugendarrest?