Der gewissenhafteste Minister des Jahres heißt Ignaz Kiechle. Der für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten verantwortliche CSU-Mann hat nämlich genau Buch darüber geführt, wie er "das Feld der Öffentlichkeit beackert". So notierte er im abgelaufenen Jahr 94 Versammlungsreden vor 63 000 Zuhörern, gab 76 Pressekonferenzen sowie 157 Zeitungs- und Rundfunkinterviews.

Über 300mal stellte sich der ehemalige Bauer aus dem Allgäu somit der Öffentlichkeit, mindestens einmal an jedem Werktag (der Sonntag ist den Bayern schließlich heilig). Darf man sich da fragen, wo der Minister die vielen Gedanken her hat, die er so emsig unters Volk bringt?

Über ihre Wirkung macht sich Kiechle übrigens keine Illusionen. Originalton aus der Pressekonferenz Nummer 76: "Vieles ist denkbar, aber nicht machbar. Hier gilt das Dichterwort: Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Räume stoßen sich die Sachen." Natürlich von Schiller, nicht von Kiechle ...

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Die Erkenntnis des Jahres stammt von Wirtschaftsminister Martin Bangemann. Der – sofern die ministerielle Bundweite nicht trügt Tafelfreuden nicht abgeneigte Liberale hält nichts davon, deutsche Lebensmittelvorschriften zum "alleingültigen Maßstab" für Europa zu machen. Die Begründung dürfte nicht zu widerlegen sein: "Ich habe zum Beispiel nicht den Eindruck gewonnen, daß man durch den Genuß der französischen, belgischen oder holländischen Küche größeren gesundheitlichen Gefährdungen ausgesetzt ist, als wenn man an einer Kirmesbude eine deutsche Bratwurst verzehrt."

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Das Wort des Jahres, so entschied die Gesellschaft für deutsche Sprache, heißt Glykol: ein Begriff aus der Chemie, der einen zweiwertigen Alkohol bezeichnet und vor Jahresfrist wohl nur einer Handvoll Spezialisten für Frostschutzmittel bekannt war. Dank eifriger Zweckentfremdung zur Weinverbesserung ist Diethylenglykol unterdessen auch zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden.