Von Bernhard Blohm

Mit einem wahren Finale furioso endete für die deutschen Aktienbesitzer ein Jubeljahr. In den letzten Dezembertagen kletterten die Kurse an den deutschen Börsen auf einen neuen, historischen Höchststand und "setzten damit einem schon einzigartigen Aktienjahr die Krone auf", wie es ein Börsianer enthusiastisch ausdrückte.

Einen Tag vor Heiligabend überstieg der Commerzbank-Index erstmals die Marke von 1900 Punkten, am Jahresanfang hatte dieser Kursindikator noch bei 1118 Punkten gelegen. Wer also zu Jahresbeginn 1985 jeweils eine Aktie des insgesamt sechzig Werte umfassenden Cobank-Index gekauft hatte, war damit nach einem Jahr um siebzig Prozent reicher, die Dividendenzahlungen auf die Aktien nicht einmal eingerechnet. So viel konnte man im abgelaufenen Jahr mit keiner anderen Geldanlage verdienen. Festverzinsliche Wertpapiere warfen im Schnitt rund sieben Prozent Rendite ab, gerade ein Zehntel der Kursgewinne bei Aktien.

Klar, daß bei diesen Verhältnissen der Rentenmarkt 1985 nur zweiter Sieger hinter dem Aktienmarkt blieb.

Nur dreimal hat es in der Geschichte der Bundesrepublik ähnlich gute Jahre für die Aktienbesitzer gegeben, und das liegt lange zurück. Gemessen am Commerzbank-Index konnten nur 1954 mit einem Plus von 97 Prozent, 1958 mit 66 Prozent und 1959 mit 84 Prozent Zuwachs vergleichbare Ergebnisse vorweisen. Bis einschließlich 1982, dem Beginn der jetzigen Hausseperiode, folgten 23 mehr oder weniger magere Börsenjahre.

Doch die Erinnerung an diese lange Durststrecke muß angesichts der glänzenden Kursgewinne der Aktien einfach verblassen. Nun herrscht allenthalben Freude. Aktionäre, die 1985 mit ihren Käufen völlig danebengelegen haben, muß man wohl mit der Lupe suchen, denn auch das gehört zu den markanten Ergebnissen des abgelaufenen Börsenjahres: Der Markt hat in voller Breite am Kursaufschwung teilgenommen; die Renner des Jahres waren weitgehend Standardwerte. Den großen Schnitt haben gerade konservative Anleger gemacht, die erstklassige und umsatzstarke Papiere kauften. Niemand mußte nach erfolgsträchtigen Spezialwerken suchen oder auf Geheimtips setzen, um an der Fettlebe teilzuhaben.

Wer am Jahresanfang 1985 beispielsweise hundert Aktien der Deutschen Bank zu Kursen zwischen 380 und 390 Mark kaufte und dafür knapp 40 000 Mark anlegte, hat dieses Geld innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt; jetzt sind diese Papiere etwa 90 000 Mark wert. Genausogut sind Käufer von Auto-Aktien wie Daimler oder Volkswagen gefahren, auch ihr eingesetztes Kapital ist im Jahresverlauf um weit über das Doppelte gewachsen. Zu den Rennern am Markt gehörten auch die Versicherungsaktien. Die Papiere der Allianz, der Aachen-Münchener-Gruppe oder Colonia, um nur einige zu nennen, konnten durchweg mit Steigerungsraten jenseits der Hundert-Prozent-Grenze aufwarten. Sogar die sonst eher schwerfälligen Chemieaktien kamen ordentlich auf Trab. Die Werte der Branchenriesen Bayer, BASF und Hoechst legten immerhin auch rund fünfzig Prozent zu.