Hannover

Im Vordergrund ist Theodor Lessing, jüdischer Naturphilosoph und 1933 von den Nazis ermordet, zu sehen. Auf ihn schaut Peter Brückner. Er war wie Lessing Professor in Hannover, in den siebziger Jahren Mitherausgeber des "Buback-Nachrufes", 1982 starb er an einem Herzleiden. Dahinter stehen KZ-Opfer, Widerstandskämpfer und eine türkische Familie. Über diese Gruppe rasen Eisenbahnwaggons in ein schwarzes Inferno. Das drei mal drei Meter große Wandbild hat an der Universität Hannover für einen politischen Eklat gesorgt. Die Folge ist ein Streit, bei dem es um die Vergangenheitsbewältigung der Universität, der Stadt Hannover, aber auch um die Freiheit der Kunst geht.

Das Bild steht noch im Atelier des Malers und Architekten Detlef Kappeler, der ebenfalls als Professor in Hannover lehrt. Mit dem Kunstwerk wollte die Universität in der niedersächsischen Landeshauptstadt Theodor Lessing ehren. Universitätspräsident Professor Hinrich Seidel hatte es im vergangenen Jahr bei Kappeler in Auftrag gegeben. Als Standort war die Außenwand eines Gebäudes der Universität vorgesehen, das bereits den Namen des Philosophen trägt. Doch jetzt hat Präsident Seidel die Anbringung kategorisch abgelehnt. Seine Gründe: Das Bild provoziere das "gefährliche Mißverständnis", daß die Verfolgung und Ermordung Lessings mit den Vorgängen um Brückner zu vergleichen seien. Die Ehrung Lessings dürfe nicht mit politischer Kritik an der Gegenwart vermischt werden. Die Anbringung des Wandbildes könne als offizielle Äußerung der Hochschule mißverstanden werden. Kappeler, Professor für Graphik und Malen am Fachbereich Architektur, spricht dagegen von einem schweren Eingriff in die künstlerische Freiheit, von einem Akt der Zensur. "An Lessing erinnern, heißt, vor einer ähnlichen Entwicklung, an der 1933 Lessing starb, zu warnen. Brückner muß deshalb Bestandteil der Bildkomposition sein", sagt er.

Lessing – dieser Name hatte im bürgerlichen Hannover der zwanziger Jahre zu handfesten Auseinandersetzungen geführt. Der 1872 geborene Jude lehrte als Privatdozent Philosophie, war Schriftsteller ("Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen") und Journalist. Für ausländische Zeitungen berichtete er 1924 über den Prozeß gegen den Massenmörder Haarmann. Seine Artikel wurden für das Bürgertum zur Provokation. Er forderte für den homosexuellen Täter psychologische Gutachten und deckte die Verstrickungen der hannoverschen Polizei mit ihrem früheren Spitzel Haarmann auf. Sein Fazit: "Ein schadhaftes Rechtssystem und eine schadhafte Psychiatrie haben die Morde mitverschuldet". Ein Jahr später schrieb er über die Wahl des Feldmarschalls und Ehrendoktors der Technischen Hochschule Hannover, Paul von Hindenburg, zum Reichspräsidenten: "Besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht".

Sieben Jahre bevor Hitler an die Macht kam, setzte die Verfolgung Lessings ein. Deutschnationale Zeitungen und Professoren forderten seine Suspendierung, völkische Studenten sprengten seine Vorlesungen, bedrohten ihn mit Schlagstöcken.

Als 1400 Studenten in einem Sonderzug symbolisch die Hochschule verließen, berief der preußische Kultusminister Lessing ab. 1933 mußte er in die Tschechoslowakei fliehen, am 31. August 1933 wurde er vom deutschen "Sicherheitsdienst" erschossen. Fast fünfzig Jahre lang erinnerte in Hannover nichts an sein Schicksal, sein 100. Geburtstag wurde übersehen. Erst 1983 änderte sich teilweise diese Haltung. Der Fachbereichsrat Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften beschloß, die ehemalige Mensa der Uni, in der die sozialwissenschaftlicne Bibliothek untergebracht ist, nach Lessing zu benennen.

Professor Detlef Kappeler bot sich gleichzeitig an, ohne Honorar ein Wandbild für das neue Theodor-Lessing-Haus zu schaffen. Im September 1984 erteilte dafür Universitätspräsident Hinrich Seidel dem Maler, der sich in früheren Werken mit Vietnam und dem Streit um Atomkraftwerke befaßt hatte, den offiziellen Auftrag – verbunden mit dem Zusatz, über den Herstellungsprozeß auf dem laufenden gehalten zu werden.