Lindau

Wieder eine Niederlage für die Satire: Das Nachspiel eines ironisch-kritischen Heimatfilms „über bizarre Bräuche, Obrigkeitshörigkeit und Bigotterie im Allgäu(Spiegel) droht den gewiß drastischen Film noch zu übertrumpfen. In „Daheim sterben die Leut“ – dem üblichen Spruch eines Allgäuers auf dem Weg zur Wirtschaft – spielt ein Landrat eine Hauptrolle und kommt dabei schlecht weg: Er beschert seinen Tiefbau-Unternehmern Aufträge mit dem Projekt einer zentralen Wasserversorgung und macht den Bauern Allgeier dadurch zum Rebellen – dem reicht seine eigene Quelle.

Querkopf Allgeier vertreibt die amtlichen Vermesser mit der Heugabel, paktiert gar mit dem Gesundbeter – der für einige blaue Scheine dem Landrat zur Rache für das Zuschütten der bäuerlichen Quelle ebenfalls das „Wasser“ abstellt macht bei der Suche nach einer neuen Quelle aus seiner Not eine Tugend, zaubert per Unkrautmittel ein Rasenkreuz auf seine Wiese und verkauft gewinnbringend das Wasser als heiliges Heilmittel. Gemeinsam mit dem örtlichen Kiesunternehmer, der ihm – „Anordnung von oben“ – zuvor die Quelle zugeschüttet hatte ...

Überall hat der Landrat in diesem bitterbösen Film, dessen Details auf aus der Zeitung recherchierten „wahren Begebenheiten“ beruhen, die Finger drin. Und da selbst der buchstäblich schein-heilige Gesundbeter (seine Schublade ist proppenvoll mit Hundertern, seine gutbezahlte Medizin wirkt hervorragend), porträtiert nach einem in der Region bekannten Vorbild, bei aller Dialektik zwischen Magie des Geldes und der heiligen Mutter Maria eher gut wegkommt, fühlte sich der echte Landrat betroffen. Klaus Henninger, Amtschef im Kreis Lindau, der das urwüchsige Westallgäuer Hinterland mit den im Film so schön gezeichneten schlitzohrigen und querköpfigen Bauern umfaßt, reagierte mit einem Gedicht, das die Lokalzeitung abdruckte: „Neulich sah man à la Beuys, dampfend noch im Großstadtdunst, einen riesengroßen Scheiß ... Viele eilten da herbei und erldärten angeregt, dieser frische Haufen sei alpenländisch ausgeprägt. Schon nach Masse und Gestalt, auch nach seinem tiefen Sinn, führ er kraftvoll und geballt, auf die Allgäu-Heimat hin... Andre meinten, der Gestank, dieses Stücks sei penetrant, doch im ganzen, Gott sei Dank, zeige beides Volk und Land ...“

Mit dem Großstadtdunst wollte der erzürnte Dichter die Filmer abstempeln. Das Quartett von der „Westallgäuer Filmproduktion“ ließ sich die Heimat jedoch nicht bestreiten. Trotz Studiums und Hauptwohnsitz in Göttingen „schlägt unser Herz weiter für das Allgäu. Der vertrackten Allgäuer Mentalität, bei der hinter scheinbar dumpfer Untertänigkeit stets bodenständige Anarchie lauert, kann man nur mit scharfen Strichen nahekommen“.

So ließ die Gegenwehr auf das Landrats-Opus mit dem Titel „Heimattod“ nicht lange auf sich warten: Regisseur Leo Hiemer befragte den Landrat schriftlich nach dem tieferen Sinn seines Gedichts. Henninger legte los: Der Film sei „dürftig“, „Klischees aneinandergereiht“, „seltene Absonderlichkeiten billig vermarktet“, „geistiger Tiefgang und Liebe zur Wahrheit“ fehlten, kurz: „Die Folge wird der weitere Substanzverlust an Westallgäuer Lebensart sein.“ Gleichzeitig erklärte sich der Landrat zu einer persönlichen Diskussion bereit.

Nun wetzte Hiemer seine Feder. „Sie arbeiten mit altbekannten Ressentiments gegen Intellektuelle, Großstadt, Kritiker und Künstler. Gegen diese Fälscherbande ist ein bayerischer Landrat natürlich ein Original... Nicht die Verbauung, Verlärmung, Verdreckung, Verkabelung, Vergolfung“ – Landrat Henninger setzte sich gemeinsam mit dem bekannten Naturschützer Horst Stern für den Bau eines Golfplatzes bei Lindau ein, der ein Feuchtgebiet zerstört hätte, inzwischen sind „Unregelmäßigkeiten“ bei der Genehmigung aufgetaucht und das Projekt vorerst gestoppt – „mithin Versauung unserer gemeinsamen Heimat bringe sie dem Tode näher, sondern die Geldgier von ein paar Filmemachern“. Warum, wollte Hiemer vom Landrat wissen, „gehen Sie nicht auf den Kampf des Bauern Allgeier gegen den Landrat ein, warum schreiben Sie nichts über diesen konservativen Rebellen, den wir nun weiß Gott nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Eher schon den Landrat – das haben Sie richtig bemerkt – aber der hat’s verdient!“