Von Rolf Zundel

Die Geschichte ist ein wenig seltsam und hat auf den ersten Blick mit Politik nichts zu tun, schon gar nicht mit der Politik von heute. Sie ist alt, stammt aus der Schule mohammedanischer Mystiker und berichtet von einem Kalifen, der für sein Leben gern einen berühmten Sänger hören wollte. Wie es damals Brauch war, befahl der Kalif, der Sänger solle im Palast erscheinen und seine Kunst zeigen. Aber die Beauftragten des Kalifen kamen mit der Nachricht zurück, der Sänger sei daran nicht interessiert. Da suchte der Kalif den Rat eines Derwischs, und der erklärte sich bereit, dem Kalifen zu helfen. Zunächst aber geschah überhaupt nichts. Sooft der Kalif fragte, wann denn nun endlich der Sänger erscheine, beschied ihn der Derwisch, noch sei die Zeit nicht gekommen. Nach vielen Monaten – der Kalif hatte immer wieder gefragt und seine Ungeduld allmählich gemeistert – erklärte der Derwisch, nun sei der Augenblick gekommen.

"Also schaffe ihn her!" befahl der Kalif. Aber der Derwisch entgegnete: "So wird es nicht gehen, mein Herr. Wir müssen zu ihm." Kalif und Derwisch machten sich auf, besuchten den Sänger in seinem Haus und wurden dort freundlich empfangen. Aber der war immer noch nicht bereit, eine Probe seiner Kunst zu liefern. Da stimmte der Derwisch das berühmte Lied des Sängers an, es klang ganz gut in den Ohren des Kalifen. Der Sänger lauschte, sein Interesse war geweckt. Und nachdem der Derwisch seinen Gesang beendet hatte, sang auch er – unvergleichlich. Der Kalif hatte nie einen schöneren, vollkommeneren Gesang gehört.

Diese Geschichte kann, wie alle diese Geschichten, auf sehr verschiedene Weise verstanden werden. Wer will, mag darin eine Art Gleichnis für den geheimnisvollen und mühsamen Weg zur Erleuchtung sehen. Sie läßt sich aber auch als Beschreibung der Grundmuster politischen Handelns begreifen. Versuchen wir es.

Der Kalif will etwas erreichen, etwas durchsetzen: die klassische Situation eines Politikers, und er will es, wie anders könnte es sein, natürlich schnell. Er befiehlt. Der Kalif macht sich gar keine Gedanken darüber, wie sein Befehl wirkt. Er hat ja eine interessante Idee, und er ist überrascht darüber, daß seine Beauftragten nicht fähig sind, seiner Anordnung Gehör zu verschaffen.

Da fällt einem jener amerikanische Präsident ein – die Geschichte wird Truman zugeschrieben, aber sie läßt sich durchaus verallgemeinern – der, frisch ins Amt gekommen, überrascht erkennt, daß alles, was er sich vorgenommen hat, zunächst einmal einfach liegen bleibt. Seine Anordnungen werden zur Kenntnis genommen, aber es ist noch niemand da, der es versteht, sie an der richtigen Stelle in den Prozeß der politischen Willensbildung einzuschleusen. Kurz: Es passiert nichts. Auch jene brillanten politischen Köpfe kommen einem in den Sinn, denen immer etwas einfällt, Interessantes, Aufregendes, Nachdenkenswertes, aber deren Ideen im Apparat manchmal wenig Spuren hinterlassen: Biedenkopf, Dohnanyi, Dahrendorf, was im übrigen nicht gegen sie spricht; sie wirken auf andere Weise. Und schließlich läßt sich auch an jenen philosophisch getränkten Hochmut mancher politischer Denker erinnern, die beim Vergleich der unbefriedigenden Wirklichkeit mit der schönen Welt ihrer Vorstellung zu dem Schluß kommen: um so schlimmer für die Wirklichkeit.

Der Kalif verfällt diesem Hochmut nicht, er muß warten, übt Geduld, bekommt eine Ahnung davon, wie schwierig die Bedingungen menschlichen Handelns sind, erfährt, daß der unmittelbare Impuls, der schlichte Befehl steckenbleibt – eine prinzipielle politische Erfahrung. Ob Gorbatschow versucht, die Leistungsfähigkeit der sowjetischen Wirtschaft zu steigern, ob Friedensfreunde fordern: peace now, ob Reformer den Tanker SPD in eine andere Richtung zu lenken versuchen, ob eine Wende postuliert wird – überall zeigt sich: Ohne oft langwierige Wiederholung der gleichen simplen Thesen, ohne ermüdende Machtkämpfe geschieht nichts. Die Fähigkeit politischer Gemeinschaften, sich neue Ideen begeistert oder auch mit Abscheu anzuhören, aber sich in ihren fundamentalen Gewohnheiten nicht stören zu lassen, ist schon gewaltig. Die Idee, der Entschluß allein bewegt meist wenig. Dies also wäre die erste Erfahrung, die sich aus der Geschichte ableiten läßt: Politik bedarf hartnäckiger Geduld, der Fixierung auf ein Thema. Die erfolgreichen Kanzler der Republik waren alle Schwerarbeiter der Wiederholung.