Von Christoph Bertram

Am Neujahrstag sind sie noch einmal den Fernsehzuschauern der anderen Supermacht so erschienen, wie die Welt sie vom Genfer Plauder-Gipfel in Erinnerung hat: verbindlich, aber uneins. Ronald Reagan und Michail Gorbatschow wünschten einander und ihren Völkern ein gutes 1986.

Auf der einen Seite der einstige Filmschauspieler und erfolgreiche kalifornische Gouverneur, der älteste Präsident der Vereinigten Staaten, der in seinen fünf Jahren im Weißen Haus die größte Rüstungsanstrengung Amerikas zu Friedenszeiten veranlaßt hat, um sein Land "wieder stark zu machen", der dem Kommunismus und den Kommunisten zutiefst mißtraut und der aus diesem Mißtrauen nie ein Hehl gemacht hat: Ronald Reagan, 74 Jahre alt, bis Januar 1989 im Amt und bei seinen Landsleuten heute populärer denn je.

Auf der anderen Seite der einstige Provinzgouverneur und Landwirtschaftsexperte, der jüngste Generalsekretär der KPdSU seit Stalin, im Amt seit März 1985 und entschlossen, sein Land wirtschaftlich zu modernisieren und ihm so den Platz in der Spitzengruppe der Weltmächte langfristig zu sichern: Michail Gorbatschow, 54 Jahre alt, und wenn die Gesundheit und die Kollegen im Politbüro es zulassen, noch bis ins 21. Jahrhundert an der Macht. Auf ihm ruhen die Erwartungen vieler seiner Landsleute.

Bisher sind beide über den Austausch von Freundlichkeiten und eingehenden Erläuterungen ihrer jeweiligen Positionen nicht hinausgekommen. Gewiß, Artigkeiten sind zwar zwischen Staaten allgemeiner Brauch, aber zwischen den beiden Weltmächten waren sie lange aus der Übung gekommen. Schon deshalb sind sie ein Fortschritt. Aber auch mehr? Es gibt manche, die das Treffen am Genfer Kamin schon deshalb als großen Durchbruch feierten. "Die Welt kann aufatmen, die Gefahr eines dritten Weltkrieges ist weitergerückt", hatte Egon Bahr, der schnellste unter den Abrüstungsexperten der SPD, im November frohlockt. In der Tat muß all denen, die den großen Zusammenstoß zwischen den beiden Nukleargiganten schon für programmiert hielten, der freundliche Umgangston wie ein Signal zur Umkehr erschienen sein: Wer so nett zusammensitzt, kann nicht aufeinander schießen.

Aber das Schießen wollen die Atommächte ohnehin mit allen Mitteln vermeiden, weil sie wissen, daß jeder Schuß auf den anderen am Ende sie selbst trifft. Der Atomkrieg kennt keine Sieger. Auch Reagan und Gorbatschow wissen das und haben es in ihrer gemeinsamen Genfer Erklärung erneut bestätigt. Dafür brauchten sie sich nicht erst zu treffen.

Die entscheidende, noch offene Frage für 1986 ist: Wissen sie auch mehr? Der Maßstab für erfolgreiche Ost-West-Diplomatie ist bescheidener und ehrgeiziger zugleich: daß Ost und West sich bereit finden, ihre Rivalität gemeinsamen Regeln zu unterwerfen und ihre Sicherheit nicht nur einseitig in immer größeren Waffenarsenalen, sondern auch in gegenseitigen Übereinkünften zu suchen. Sie müssen, wie Gorbatschow es formulierte, "die große Wissenschaft erlernen, miteinander zu leben".