Der Rektor der Frankfurter Kunsthochschule bittet zu Tisch: die Küche als Hörsaal

Von Joachim Riedl

Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen... "Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders", sagte der Hungerkünstler. "Da sieh mal einer", sagte der Aufseher, "warum kannst du denn nicht anders?" "Weil ich", sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verloren ginge, "weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle."

Franz Kafka: "Ein Hungerkünstler"

Vernissage in Frankfurt: Rohe Holztische waren in der Aula der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – der Städelschule – im Karree arrangiert. Dichtgedrängt saß das kulturbeflissene Publikum vor einem bescheidenen Gedeck und spielte ungeduldig mit den Papierservietten oder zerbröselte das bereitgelegte Weißbrot.

Noch ließ das Kunstwerk auf sich warten. Zwei Tage lang hatte es über einer Feuergrube im Garten der Städelschule gegart. Ein verführerischer Geruch war ihm entstiegen. Der Wind hatte den Duft des Werkes, das hier langsam briet, zum Schaumainkai, an das Frankfurter Museumsufer getragen und in die Galerien des benachbarten Städel-Museums geweht, in dem Tischbeins Goethe erwartungsfroh in die Campagna späht.

Endlich schleppten nun fünf Helfer das ungeduldig erwartete Werk auf einer Holzplatte in den Saal. Sie bog sich gefährlich unter der dampfenden Last, die auf ihr ruhte. In eine weiße Schürze gehüllt näherte sich der Schöpfer des Objekts, der Kunststudent Jochen Fey. Er hatte ein langes, scharfes Schlachtermesser gezückt.