Von Horst Bieber

Das vergangene Jahr gebar ein neues Schlagwort: "Politische Lösung der Schuldenkrise." Nach hektischem Krisenmanagement, ausgelöst durch den mexikanischen Schuldenschock vom August 1982, setzte sich 1985 immer stärker die Einsicht – oder auch: die Hoffnung – durch, daß die Dritte Welt ihre auf rund 970 Milliarden Dollar aufgelaufenen Verbindlichkeiten aus eigener Kraft nicht mehr zurückzahlen kann. Was immer eine koordinierte Entwicklungshilfe der Industriestaaten zu leisten vermag: Ihre Erfolge werden aufgezehrt vom Schuldenproblem, für das rasch eine Lösung gefunden werden muß, soll der Süden nicht noch weiter zurückfallen.

Von einer gemeinsam ausgehandelten Lösung zwischen Kreditgebern und -nehmern ist freilich noch keine Rede. Fidel Castro, Kubas maximo lider, propagierte im Sommer einen für ihn typischen Ausweg: Die Schuldner verweigern jede Rückzahlung. Nicht einmal unter den Lateinamerikanern fand er mit dieser Radikalkur Gefolgschaft: Alle Regierungen fürchten die dadurch ausgelösten weltwirtschaftlichen Erschütterungen, wissen mithin, daß sie zu einvernehmlichem Handeln gezwungen sind.

Ende September verkündete dann der peruanische Präsident Alan Garcia vor den Vereinten Nationen sein Rezept. Peru werde künftig nur noch zehn Prozent seiner Exporterlöse für den Schuldendienst verwenden und vorrangig an internationale Finanzinstitute und Gläubigerstaaten zahlen.

Keine vierzehn Tage später schlug der amerikanische Finanzminister James Baker in Seoul, bei der Jahrestagung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, ein anderes Modell vor: In den nächsten drei Jahren sollten Privatbanken den höchstverschuldeten Staaten zwanzig Milliarden Dollar an Krediten zukommen lassen; die Weltbank müsse ihr Kreditvolumen auf jährlich neun Milliarden Dollar erhöhen. Voraussetzung sei allerdings, daß die Empfängerländer auf eine mehr marktorientierte Politik umschalteten.

Beide Modelle taugen nicht zur Krisenbewältigung; sie sprechen Probleme an, die gemeinsam gelöst werden müssen. Der Peruaner hebt auf das Verhalten der Industrienationen ab. Wenn sie ihre Konjunktur ankurbeln, können die Drittwelt-Staaten mehr Güter (in der Regel Rohstoffe) an sie verkaufen. Um die Exporte allerdings spürbar zu erhöhen, muß der Norden auf protektionistische und, wie es vornehm umschrieben wird, nichttarifäre Maßnahmen verzichten, also auf Sünden gegen den Geist des Freihandels, die in steigendem Maße zu verzeichnen sind. Der Amerikaner setzt darauf, daß ein kräftiger Kapitalschub die Wirtschaft des Südens so sehr ankurbelt, daß sie auf Dauer auch Zinsen und Tilgung der Auslandsschuld aufbringt, wobei er freilich das finanzielle Risiko auf eben jene privaten Banken verteilt, die sich schon in zum Teil gefährlichem Ausmaße in der Dritten Welt engagiert haben.

Vielleicht wollten Garcia und Baker nicht fertige Lösungen präsentieren, sondern Versuchsballons steigen lassen? In diesem Falle wären beider Positionen gar nicht so weit voneinander entfernt, auf jeden Fall nahe genug, 1986 einen erfolgversprechenden und überfälligen Dialog zu beginnen.