Lange Zeit war Günter Grass persona non grata in der Sowjetunion. Er erfüllte in seinen Werken in den Augen sowjetischer Funktionäre weder die Kriterien des sozialistischen Realismus noch entsprach seine politische Haltung den sowjetischen Vorstellungen. Zwar war 1968 seine Novelle "Katz und Maus" in der Inostrannaja literatura veröffentlicht worden, in den Jahren danach aber wurde es still um den Autor.

Daß die sowjetischen Literaturwissenschaftler und -kritiker in den letzten Jahren ihre Aufmerksamkeit stärker auf Grass richten, ist sicher nicht zuletzt auf sein politisches Engagement in der Friedensbewegung zurückzuführen. So erschienen 1983 und 1984 allein fünf Artikel in sowjetischen Zeitschriften, in denen Grass sich gegen den Stationierungsbeschluß der Bundesregierung wendet und vor den Gefahren eines Atomkriegs warnt.

Im Mai 1983 wurde die Erzählung "Das Treffen in Telgte" in der Inostrannaja literatura veröffentlicht, und wenig später erschienen dort zwölf Gedichte von Grass. Das Vorwort zu dieser Auswahl schrieb der Schriftsteller Andrej Voznesenskij. Von Mai bis August 1984 publizierte Novyi Mir in Fortsetzungen eine Übersetzung des Romans "Örtlich betäubt".

Ein Sammelband mit den drei genannten Prosawerken ist 1985 in einer Auflage von 50 000 Exemplaren in der renommierten Reihe "Mastera sovremennoj prozy" ("Meister der zeitgenössischen Prosa") herausgekommen. Es gibt also doch, endlich, ein Interesse im Land der meisten Leser an einem der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren deutscher Sprache, auch wenn die Zensur noch immer zuschlägt.

Hatte die Zensur bereits 1968 eine ganze Passage – dreieinhalb Seiten – des dritten Kapitels von "Katz und Maus" gestrichen, so kann auch jetzt noch nicht dieser Sammelband ohne staatliche Eingriffe erscheinen: Die Passage, in der von masturbierenden Jugendlichen auf einem Boot die Rede ist, fehlt auch jetzt. Das Streichen von sexuell für anstößig gehaltenden Stellen ist häufig geübte Praxis in russischen Übersetzungen westlicher Literatur. Die VAAP (Allunions-Agentur für Autorenrechte) verteidigt das mit dem "Schutz der sozialistischen Moral".

Auch im Fall des Romans "Örtlich betäubt" war offensichtlich dem sowjetischen Leser einiges nicht zumutbar. Das beginnt bereits mit "vaginalen Jugendstilornamenten", aus denen im russischen Text "sinnlich sich krümmende Jugendstilornamente" werden, und geht bis zu einer Masturbation mit einem Ring – die überhaupt nicht erwähnt wird. Im Gegensatz zur Veröffentlichung in Novyj Mir sind zwei Stellen des Originaltextes nicht gestrichen worden – der unbeholfene Versuch der Schülerin Veronika Lewand, den Studienrat Eberhard Starusch zu verführen, sowie der "dürre Penis" des den Freitod wählenden Seneca. Insgesamt sind es aber immer noch sieben Passagen, die fehlen oder verändert wurden.

Die deutschen Verlage geben generell ihre Zustimmung, wenn von sowjetischer Seite eine Publikation in der UdSSR von Kürzungen sexuell anstößiger Passagen und obszöner Ausdrücke abhängig gemacht wird. Diese Zustimmung wird dann jedoch auch genutzt, um politisch Unerwünschtes zu eliminieren. In "Örtlich betäubt" gibt es eine ganze Reihe solcher Auslassungen.