Von Gunter Péus

Die Deutschen als Kolonialisten seien, ihr Verhalten an der "Peripherie" (sprich Afrika, Ostasien und Südsee) insgesamt gesehen, nicht besser oder schlechter gewesen als Engländer, Franzosen, Belgier und Portugiesen. Schon viel früher, wie etwa seit 1840 in Großbritannien mit seinem liberalen Bürgertum, wäre auch im deutschen Kaiserreich die imperialistische Entwicklung in Gang gekommen, hätten hier nicht die agraisch-konservativ geprägten Adelskreise geherrscht. Zu diesem Ergebnis kommt der Autor des jüngsten Werkes über die kurze, nur 30 Jahre währende Beteiligung der Deutschen am europäischen Wettbewerb um die Ausbeutung der tropischen Regionen:

Horst Gründer: Geschichte der deutschen Kolonien; UNI-Taschenbuch 1332 der Arbeitsgemeinschaft UTB für Wissenschaft; Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 1985; 312 S., mit Verzeichnis der leitenden Kolonialbeamten und umfangreicher Bibliographie, 28,80 DM.

Daß die Deutschen im Vergleich zu den anderen europäischen Groß- und Mittelmächten spät dran waren (deutlich bemerkbar vor allem in Afrika, wo diese "Drängelei" im Verlauf der späteren, endgültigen Grenzziehungen zu kompliziertem diplomatischem Tauziehen und zu Tauschgeschäften unter den Kolonialstaaten führte), hatten sie ihrem Reichsgründer Otto v. Bismarck zu verdanken.

Aber warum gab Bismarck nur zögernd den Staatlichen Schutz frei für die ungestüm drängenden Kolonial- und Handelskreise des Reiches? Die Beantwortung dieser nicht nur vom politischen, sondern auch vom soziologischen Blickwinkel her interessierenden Frage wurde für Horst Gründer, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster, zu einem Schwerpunkt seiner nüchternen, wissenschaftlichen Darstellung.

Entgegen den geläufigen Thesen, Bismarck habe den "Kolonialschwindel" eigentlich nicht gewollt und seine Wende sei nur unter dem Druck der öffentlichen Meinung zustande gekommen, oder er habe schon immer auf eine Möglichkeit zur Expansion gewartet, kommt Gründer zu folgender Auffassung: Das wenn auch späte Engagement in der Kolonialpolitik diente dem Reichskanzler als Mittel zur Festigung seiner persönlichen Position in dem jahrzehntelangen Kampf um sein innenpolitisches Überleben. Bismarck machte sich das "Kolonialfieber", jenen Druck der Öffentlichkeit, mit Blick auf die im Herbst 1884 anstehenden Reichstagswahlen zunutze, allerdings nur als "austauschbare Strategie", die er sicherlich nicht gewählt hätte, wäre sie seinem stets beibehaltenen Modell eines europäischen Gleichgewichts zuwidergelaufen. Auch als die Wende zur aktiven Überseepolitik vollzogen war, gab es Hinweise genug, daß Bismarck seine ursprüngliche Meinung, die "Schutzgebiete" (seine eigene Worterfindung, um die überseeischen Territorien nicht "Kolonien" nennen zu müssen) weitgehend der Eigenverantwortlichkeit der kommerziellen Interessen zu überlassen, nicht aufgegeben hatte. So hat er sogar die konfliktreichen Kolonien Samoa und Ostafrika den Italienern vergeblich zum Kauf und 1889 dem Hamburger Senat deren Verwaltung angeboten!

Nicht nur mit dieser aufschlußreichen geschichtlichen Notiz erhellt der Autor die Rolle, die hanseatische Kaufleute, hamburgische und bremische, bei der Besitznahme und geschäftlichen Nutzung und Ausnutzung der Kolonien gespielt haben, allen voran der Hamburger Adolph Woermann. Er war nicht nur der größte Privatreeder der Welt seiner Zeit und Plantagenbesitzer in Westafrika, sondern auch nationalliberaler Abgeordneter im Reichstag. Ihm gelang das Kunststück, die Hamburger Handelskammer zu einer Abkehr von ihrer freihändlerischen Tradition zu bringen und auf Unterstützung der kolonialpolitischen, nationalen Initiativen zu verpflichten. Gründer schreibt dem Hamburger sogar einen nicht unwesentlichen Einfluß zu auf die Überlegungen in der Reichsregierung, die schließlich zu Bismarcks Wende in der Kolonialpolitik führten.