Bei der Ausgrabung einer neolithischen Nekropole wurden in Cernavodä, einem Ort nahe der rumänischen Schwarzmeerküste, auch zwei Statuetten gefunden, die ganz spektakulär von der für die Hamangia-Kultur typischen, mehr oder minder schematisierenden Darstellung der menschlichen Figur abwichen. Der sitzende Mann, der den Kopf in die Hände stützt (seiner Haltung wegen taufte man ihn "Denker") und die ebenfalls, jedoch völlig entspannt sitzende Frau sind wirklichkeitsnah gestaltete Bilder des Menschen. Das ist, inmitten all der anderen Abbreviaturen von Körpern, schon überraschend genug. Hinzu kommt aber noch, daß die beiden im vierten Jahrtausend v. Chr. entstandenen Terrakotten, Glanzstücke der vorgeschichtlichen Abteilung des Historischen Museums in Bukarest, ganz entschieden modern wirken.

Wenn man nicht an die Ehrlichkeit der Archäologen glaubte, wäre man versucht zu sagen, hier hätte jemand mit Hilfe von Versatzstücken der Plastik unseres Jahrhunderts archaische Kunstwerke erfunden – die Verräumlichung der Form erinnert an die Auffassung Henry Moores, für die Art und Weise, wie die Köpfe auf die Hälse montiert sind, gibt es Entsprechendes bei Max Ernst, und die wulstartig geformten Unterschenkel finden sich bei Henri Laurens wieder. In Wirklichkeit ist es natürlich umgekehrt: Der Töpfer, der vor einigen Jahrtausenden diese rundplastischen Figuren geformt hat, verwirklichte seine Vorstellung von lebendigen, nicht stilisierten Körpern in einer Gestaltungsweise, die Bildhauer des 20. Jahrhunderts neuerlich entdeckt haben, angeregt von sogenannt primitiver Kunst.

Nun ist das ein schillernder Begriff, denn bezogen auf Kunst kann primitiv einmal bedeuten, daß es sich um rohe Hervorbringungen einer noch wenig entwickelten Kultur handelt (und als solche hat man lange Zeit die Kunst der Naturvölker betrachtet), zum anderen aber, daß man es mit Anfängen einer Kunst zu tun hat, mit Ursprüngen, die grundlegend waren für Späteres (in diesem Sinn spricht man von den flämischen Primitiven), und schließlich kann primitiv auch heißen: elementar und einfach. In dieser dritten Bedeutung hat das Wort keine geschichtliche Dimension, das Elementare, wann immer es künstlerische Form angenommen hat, ist stets gegenwärtig, fähig auch zu einer Vergegenwärtigung.

Die Idole aus dem Mittelmeergebiet und dem Vorderen Orient, welche die Prähistorische Staatssammlung München in einer Ausstellung zum hundertjährigen Bestehen des Museums zeigt, besitzen genau jene Faszination des Elementaren, von der die Kunst der Moderne mitgeprägt ist. Die Götterbilder aus verschiedenen Kulturen und Epochen, das früheste Beispiel ist vermutlich 20 000 Jahre alt und stammt aus Bayern, sind primäre Quellen für den Religionsgeschichtler, nicht weniger interessant jedoch auch für denjenigen, der sie einfach dem Bereich des Numinosen zurechnet und daraufhin ansieht, wie Gottesvorstellungen in ihnen sichtbar Gestalt angenommen haben. Idol, griechisch "eidolon", heißt ja Gestalt – und Gestalt ist nicht denkbar ohne eine Struktur, die einen Sinnzusammenhang deutlich macht.

Das gemeinsame Merkmal vieler, nicht aller dieser Idole ist die Reduzierung auf das Wesentliche, das notwendig ist, um eine Plastik als Figur (und als Figur eines göttlichen Wesens) wiederzuerkennen. Es gibt dabei unterschiedliche Abstraktionsgrade, die Statuette einer Sitzenden, im 5. Jahrtausend in Nordmesopotamien entstanden, stellt eine Frau dar, die anatomisch vollständig ausgestattet ist, während die anatolischen Violinidole aus dem 3. Jahrtausend nur Zeichen für Körper sind. In beiden Fällen handelte es sich um Bilder der gemeinten Person, nicht um Abbilder. Die Darstellung und das Dargestellte sind identisch. Das machte das Magische der Figur aus.

Allmählich, beginnend vielleicht schon mit den Kykladen-Idolen des 3. Jahrtausends, macht sich eine leichte Verschiebung des Gleichgewichts von Bild und Vorstellung bemerkbar. Die formende Hand drückt dem geformten Götterbild ihren Stempel auf. Das Ergebnis ist Kunst.

Die Emanzipation der Kunst vom Elementaren, die in der antiken Klassik kulminiert, haben Künstler der Moderne nicht selten mit Unbehagen beobachtet. Sie suchten das Elementare, das Ursprüngliche – in der Rückkehr zu den Anfängen. Es war kein Zufall, daß Maler und Bildhauer zu Beginn unseres Jahrhunderts die afrikanische und ozeanische Kunst entdeckten und als Präfiguration ihres eigenen Kunstwollens (miß-)verstanden. Sie haben dabei die Form vom Inhalt abgelöst und sind doch zu Lösungen gekommen, die eine Brücke schlagen zu den archaischen Idolen. Nicht durch ein Eintauchen in die Vergangenheit, sondern durch das Heraufholen des Uralten in die Gegenwart.