Erst Voest, nun Chemie Linz: Die Staatsindustrie macht millionenschwere Spekulationsverluste

Mit der Weihnachtsruhe war es diesmal nichts: Nur wenige Wochen, nachdem der Skandal um den verstaatlichten Stahlriesen Voest Alpine Österreich in Unruhe versetzte, folgte die nächste Erschütterung. Am Wochenende vor Weihnachten wurde publik, daß nicht nur die Handelstochter der Voest durch Ölspekulationen Riesenverluste erlitten hatte – das zweite große Handelshaus in Österreichs Staatsindustrie, die Firma Merx, Handelstochter der Chemie Linz, tat es dem großen Vorbild nach. Durch Ölgeschäfte, die zum Teil sogar erst abgeschlossen wurden, als der Skandal um die Voest-Handelstochter Intertrading längst tobte, hat Merx Verluste von umgerechnet rund 80 Millionen Mark erlitten.

Der Minister für die verstaatlichte Industrie, Ferdinand Lacina, und der Chef der Dachgesellschaft der Staatsindustrie, Oskar Grunwald, zeigten sich erschüttert. In hektischen Beratungen versuchte man noch vor Weihnachten, die Schuldigen zu finden. Folgenschwer sind die Vorgänge bei der Chemie Linz gleich in mehrfacher Hinsicht.

Wirtschaftlich sind sie schlimm, weil in den vergangenen Jahren reichlich Steuergelder in die Staatsindustrie gepumpt wurden – in zehn Jahren rund drei Milliarden Mark. Dennoch blieb der Verlust bei nahezu allen Staatsbetrieben Stammgast. Politisch ist das Debakel bei der Chemie Linz der regierenden Sozialistischen Partei (SPÖ) äußerst unangenehm. Sie verspielt damit ihren Kredit als kundige Lenkerin der Staatsindustrie. Überdies gerät die Partei in Personalnöte. Für die Manager, die wegen der Skandale gehen müssen, stehen kaum mehr SPÖ-getreue und geeignete Ersatzleute zur Verfügung. Österreichs Minister für die verstaatlichte Industrie, Ferdinand Lacina, den noch vor wenigen Wochen selbst die Opposition als wirtschaftlich kompetent anerkannte, ist schwer angeschlagen.

Zu allem Überfluß wird durch die jüngste Affäre auch der gerade erst provisorisch bestellte neue Leiter der Voest Alpine, Richard Kirchweger, schwer belastet. Er war nämlich bis November, vor seiner Berufung an die Spitze des Voest-Konzerns, Chef der Chemie Linz. Es ist schwer vorstellbar, daß der Boß der Chemie Linz nichts von den verlustbringenden Vorgängen in seinem Unternehmen gewußt hat. Und selbst wenn – ein Vorstandsvorsitzender, dem sein Unternehmen derart entgleitet, ist wohl kaum der richtige Mann, um die angeschlagene Voest Alpine zu sanieren. Auch die schnell zusammengezimmerte Lösung für die Voest, die für 1985 mit über 850 Millionen Mark Verlust rechnen muß, scheint also wieder gefährdet.

Vorerst liefern Regierung und verstaatlichte Industrie noch Rückzugsgefechte. Minister Ferdinand Lacina stellte seine Betroffenheit zur Schau. Er bot seinen Rücktritt an, Kanzler Fred Sinowatz hat aber abgelehnt. Erst vor kurzem hatte Lacina sich vor dem Parlament dafür verbürgt, daß Merx anders als die Voest-Tochter Intertrading in keinerlei Ölspekulationen verwickelt sei. Er beruft sich nun darauf, daß ihm von Managern der Chemie Linz noch im November versichert worden sei, dort sei alles "sauber". Selbst ein Wirtschaftstreuhänder habe das festgestellt.

Leider wurde aber zugleich die Darstellung eines mittlerweile entlassenen Merx-Mitarbeiters bekannt, der versicherte, daß bei Merx schon immer sehr risikoreich agiert worden sei. Die Zahlen des Unternehmens legen diesen Verdacht nahe: Innerhalb eines Jahres hat sich der Handelsumsatz mehr als vervierfacht. Das Unternehmen stieg binnen kurzer Zeit zum zweitgrößten Handelsunternehmen Österreichs auf. Aber keinem der Verantwortlichen will ob des atemberaubenden Wachstums auch nur der geringste Zweifel an der Solidität dieser Expansion gekommen sein. Bei allem ist wichtig zu wissen, daß die Chemie Linz nicht aus eigener finanzieller Kraft, sondern ausgestattet mit Steuermitteln handelte.