Sportpublizistik wird immer mehr zum "Schau"-Geschäft

Von Horst Vetten

Franz Beckenbauer weilte seinerzeit in Cosmos’ Diensten im fernen New York, da gab sein Name, ohne daß er etwas dazu getan hätte, in Deutschland eine Balkenüberschrift ab. "Beckenbauer" – so sprang die Zeile dem potentiellen Käufer ins Gesicht, und nach einem Doppelpunkt erfuhr er, daß sich der Friseur des Fußballstars das Leben genommen habe. Dies war ein trauriges, aber signifikantes Beispiel dafür, welche Art von Publizität der professionelle Sport hierzulande erreicht hat.

Während der Vorsitzende des einen Bundesligaklubs die begleitenden Fernsehreporter ins "gemeinsame Boot" zwingen will, praktiziert sein Kollege im anderen Verein, ähnlich wie Jupp Derwall es als Bundestrainer zeitweilig getan hat, Brüderschaft im Liebe-Haß-Verhältnis mit den Medienvertretern. Das ganze großartige Mißverständnis zwischen den darstellenden Personen auf der Fußballbühne und den Fußballrezensenten auf den Kritikerplätzen tat sich vor einigen Jahren in Montevideo auf, als ein Hamburger Nationalverteidiger den Vertreter einer hanseatischen Tageszeitung anherrschte, er solle ihm was zu trinken besorgen. Der Mann tat, wie ihm geheißen. Während er die Limonade holte, telephonierte der Träger der Nationalfarben auf Kosten der Zeitung mit der Heimat.

Glanz und Elend des Sports, vor allem der Fußball-Bundesliga, offenbaren sich täglich in den Mitteilungen von Zeitung, Radio und Fernsehen. In den sechziger Jahren stellte so mancher Verlagsherr Überlegungen an, ob in Deutschland eine täglich erscheinende Sportzeitung eine Chance hätte. Obwohl Beispiele in Frankreich, Italien und Spanien, wo zwei oder mehr Tages-Sportzeitungen ihr Auskommen haben, ermutigend hätten wirken können, ließen selbst große Unternehmen die Finger davon. Es schien ihnen zu riskant. Daß der Düsseldorfer Mittag, ein Blatt mit einem großen Sportteil, in eben diesen sechziger Jahren die Segel streichen mußte, schien die Skepsis nur zu bestätigen.

Zwanzig Jahre später, bezeichnenderweise mit der Fußball-Bundesliga einhergehend, kam die größte deutsche Boulevardzeitung mit täglich mehreren Seiten Sport offenbar einem Bedürfnis nach, heftig angegangen von einem halben Dutzend regionaler Konkurrenzblätter. Der Markt, der vorher nicht einmal für eine tägliche Sportzeitung aufnahmefähig schien, hat heute gleich mehrere. Freilich ist hier die Sportpublizistik in eine Ersatzform von Gesellschaftsjournalismus geschliddert. Das tragische Ende des Mannes, der gelegentlich Beckenbauers Haare schnitt, ist hier ebenso Thema wie eine Erörterung darüber, wie lange Frau Gaby Schuster ihr Baby stillen wird. Heute wuchert der Klatschjournalismus weit hinein in den Sportteil bürgerlicher Tageszeitungen.

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