Von Wilfried Floeck

Niemand weiß besser als ich, daß meine Stücke nicht für ein breites Publikum geeignet sind, und viel weniger noch für ein Provinzpublikum. Es sind Werke für eine Nacht in Madrid, nichts weiter. Ich sage das nicht aus Bescheidenheit, ganz im Gegenteil. Unser Tag wird schon noch kommen, aber im Augenblick ist er nicht einmal angebrochen."

Diese resignierten Sätze schrieb Ramón del Valle-Inclan am 12. November 1913 an einen gewissen Barrinaga. Zeit seines Lebens sollte er vergeblich auf jenen Tag warten. Mit seinen Dramen blieb er stets im Schatten des Weggefährten Jacinto Benavente, der das spanische Theater zwar aus seiner Provinzialität befreite, aber doch stets peinlichst darauf bedacht war, das konservativ-bürgerliche Madrider Publikum ideologisch oder ästhetisch nicht allzusehr zu verschrecken.

Erst unter dem Eindruck der politischen und ideologischen Öffnung Spaniens in den sechziger Jahren brach die 1913 von Valle-Inclan beschworene Morgenröte endlich an, und vor wenigen Monaten konnte Michi Strausfeld schreiben: "Allmählich spricht es sich herum: Ramón del Valle-Inclán (1866-1936), Romancier, Bohemien, Dramaturg, Exzentriker und Dichter, zählt zu den aufregendsten Literaten dieses Jahrhunderts" (ZEIT, 14. Juni 1985).

Exzentriker und Bohémien

Trotz des Mißerfolges seiner dramatischen Werke war Valle-Inclan zu seiner Zeit kein Unbekannter. Er war eine der berüchtigtesten Figuren der literarischen Bohème im Madrid der Jahrhundertwende. Er galt als literarische Institution: Ein Besuch in einem der Cafés, in denen er inmitten seiner Tertulia, einem der seit dem 18. Jahrhundert in Madrid beliebten künstlerischen Debattier-Clubs, hof hielt, gehörte zum Pflichtprogramm des Literaturliebhabers, der Madrid besuchte.

Ramón del Valle-Inclan wurde 1866 in einem Fischerdorf im Nordwesten Spaniens geboren. Die galicische Heimat hat vor allem sein frühes Werk geprägt. Nach einer langen Mexiko-Reise ging er im Winter 1896/97 nach Madrid, wo er nicht zuletzt durch seine exzentrische Erscheinung Furore machte. Der Schriftsteller und Verleger Luis Ruiz Contreras zeichnete in seinen Memoiren das folgende Porträt: