Von Helmut Schödel

Unser Mann in Helsingör ist tot. Wir gehen aus dem Theater nach Hause. Es gab Shakespeares "Hamlet". Aber nicht nur der Mann ist hin, auch das Stück. Es hat an diesem Abend ausgespielt. Seit nicht mehr Hamlet, sondern dieser Fortinbras die jüngere Generation vertritt, geht es nicht mehr.

Hamlet liegt erschlagen am Boden. König Claudius, Hamlets Stiefvater, hatte die Spitze des Degens vergiftet, den Laertes (Thomas Anzenhofer) gegen Hamlet führte. Der Prinz war schon nicht mehr ganz jung, Ende Dreißig vielleicht. Er wird in B. K. Tragelehns Münchner Inszenierung von Peter Brombacher gespielt. Da tritt plötzlich ein Jüngerer auf, ein Schnösel in Uniform, frisch und oberflächlich, setzt sich ganz unbefangen auf den Stuhl des toten Mörders Claudius und legt die Beine auf den Schreibtisch. Vor ihm liegt Hamlet, Hamlets Mutter, Claudius, Laertes, Ophelia – alle tot. Fortinbras (Ulrich Hoffmann), auf eine abstoßende Weise ungerührt, prüft die Situation, registriert seine Chance und redet politisch. Nach dem Motto "Ein toter Hamlet ist ein guter Hamlet" versucht er, ihn noch rasch für sich zu vereinnahmen, ihn zum Karrieristen seiner eigenen Couleur umzudeuten. Im schnöden Ton einer politischen Verlautbarung spricht Fortinbras einen Nachruf auf Hamlet: "Er hätte, wäre er hinaufgelangt / Unfehlbar sich höchst königlich bewährt." Kein Rest von Melancholie ist mehr in diesem Satz.

Man geht wie zerschlagen nach Hause, "Hamlet" im Kopf. "Mein Drama, wenn es noch stattfinden, würde, fände in der Zeit des Aufstands statt", schreibt Heiner Müller in seiner "Hamletmaschine". Aufstand, ganz recht. Lieber hundert Hamlets als einen solchen Fortinbras.

Das riecht nicht mehr, das stinkt ja schon. Irgend etwas ist faul im Münchner Residenztheater. Es ist die Erde, die in Tragelehns "Hamlet" die große Bühne ganz bedeckt. Schon am Anfang riecht es nach der Totengräberszene, Stühle stehen mitten im Dreck herum, und über dieser üppigen "Quintessenz von Staub" setzt ein goldenes Band die Balkonbrüstung des Theaters fort. Katsuko Watanabes Bühne zeigt kein fernes Dänemark. Hier im Theater, in München stinkt es zum Himmel. Und der Himmel ist nur ein angedeuteter Balkon.

Ein Mann schlurft in voller Rüstung durch die faulende Erde, stur und unaufhaltsam. Klappernd kommt der Ritter näher. Nach langem Schweigen bewegt er sich auf Hamlet zu, drängt ihn an die Rampe. Bei geschlossenem Visier spricht der Ritter knapp und bestimmt mit seinem Sohn, der am beigen Staubmantel eine schwarze Trauerbinde trägt. Shakespeares Text ist stark gekürzt. Vom Dialog bleibt nur ein kurzes Hin und Her, ein Wortwechsel. Der Ritter legt seine Eisenhand auf Hamlets Schulter. "Wenn je du deinen Vater liebtest, räche seinen Mord." Dann durchpflügt der Geist von Hamlets Vater die Erde noch einmal. Er geht. Sein Kettenhemd schlägt klappernd gegen das Blech seines Panzers.

Sepp Bierbichler spielt diesen Geist, als trüge er keine Rüstung, als wäre kein Gestank in der Luft, als gäbe es Gespenster. Ein unverbesserlicher Krieger erteilt einen engstirnigen Rachebefehl. Wie immer ist Sepp Bierbichlers Schauspielerei auch an diesem Abend auf Konfrontation aus. Er nimmt sich Zeit für jeden Gang, jede Bewegung, jede Pause. So behauptet er diesen Auftritt gegen unsere Bereitschaft zum Gelächter über die Geisterszene im "Hamlet".