Gudrun Landgrebe, erotische Eisheilige in Liliana Cavanis "Leidenschaften" • Eine Schweine-Komödie: "A Private Function – Magere Zeiten" von Malcolm Mowbray • Drei Frauen, zwei Männer und Kalifornien: "Choose Me" von Alan Rudolph.

Leidenschaften" von Liliana Cavani. Die intellektuelle italienische Regisseurin würde wahrscheinlich gute Filme drehen, wenn sie sich von einem Mythos befreien könnte, dessen Komponenten das Deutsche, der Faschismus, die Erotik und der Ästhetizismus sind. "Leidenschaften" spielt in Berlin zu Beginn der Nazi-Herrschaft und schildert ein Dreiecksverhältnis, dessen magischer Mittelpunkt eine junge Japanerin ist: Ihr verfallen die attraktive Deutsche Louise von Hollendorf und deren im diplomatischen Dienst stehender Mann Heinz. Es ist nicht der erste Film, in dem Cavani der Faszination erliegt, das Deutsche zum Inbegriff hoher ästhetischer Kultur und dämonischer Politik zu stilisieren und beides, als gäbe es da eine zwanghafte Verbindung, mit dem Erotischen zu koppeln.

Es gab eine Zeit, wo dieser Kult des Eros unter deutsch-faschistischen Sturmzeichen bei intellektuellen Ästheten und Filmregisseuren zu einer Mode ausuferte; Visconti, Bertolucci, Pasolini, Lina Wertmüller, Malle verrannten sich darin, und Alberto Moravia und William Styron veröffentlichten auf dieser Welle peinliche Romane.

Liliana Cavani kommt mit ihrem dritten Film in diesem Genre reichlich spät, das Thema ist demode. Aber sie hat die neueste Cineastenmode mitgenommen, die Begeisterung für das ursprüngliche, "dunkle" Japan. Ihre Japanerin Matsuko verkörpert in "Leidenschaften" einen Mythos, dem auf andere, doch verwandte Weise der amerikanische Regisseur Paul Schrader in seinem Film "Mishima" huldigte, der ebenfalls Faschismus mit Erotik paarte. Das deutsche, manieriert deutsche Ehepaar – Louise ist kühl-schön, musisch, subtil, Heinz ein geschniegelter, weichlicher, zynischer Karrierist – wird von Cavanis Matsuko mit Samtpfoten in eine sexuelle Besessenheit gerissen, die nihilistisch, todesmutig, radikal ist. Der Mythos, der da durchschimmert, ist ein alter Hut: Eros und Tod.

Die von Hollendorfs riskieren, weil ihre gemeinsame Geliebte die Tochter des japanischen Botschafters ist und ein politischer Skandal droht, Kopf und Kragen. Liliana Cavani aber inszeniert das Turteln und Toben der drei wie einen Trockenschwimmkurs, statt Sinnlichkeit entsteht unfreiwillige Komik. Schade um Gudrun Landgrebe, die als verhaltene Deutsche in Modellkostümen, Haute-Couture-Pelzen und Kimono eine edle Liebeskranke abgibt und wie eine Eisheilige durch den Film stöckeln muß; aber manchmal behauptet sich gegen Cavanis artifizielle Bilder ihr Sex-Appeal, der die harmlos-gewagte Liebesromantik des Films als bloße Kopf-Erotik erscheinen läßt.

Siegfried Schober

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