DIE ZEIT

Erinnerung

Mit Recht ist viel Abträgliches und viel Rühmendes zu Preußen gesagt worden. Wechselnd war es über die Jahrhunderte hinweg beides; Maß und Maßlosigkeit, stumpfsinniger Kasernenhofdrill und höchste geistige Konzentration.

Wohlfeil

Das neue Jahr fängt gut an – wenigstens für die Bundesbürger, die in den Genuß der ersten Stufe der Steuerentlastung kommen.

Jenseits von Pendelschwung und Wellenschlag

Ein Begriff macht Karriere: Wertewandel. Es ist ein breiiger Begriff, schwer zu fassen und kaum zu definieren. Die Verwechslung liegt nahe mit einem anderen modischen Terminus: Stimmungsumschwung.

Irrglaube

Palästinensischer Terror, verübt in Rom und Wien von der kriminellen Gruppe um Abu Nidal, schreckt vor nichts zurück. Mord um jeden Preis heißt die Devise.

Ostwind

Die sowjetische Diplomatie beschwört den "Geist von Genf". Mit ihm lasse sich nicht vereinbaren, so hat sie der Bundesregierung notifiziert, daß Bonn mit Washington über die Beteiligung deutscher Firmen an SDI verhandeln wolle.

Worte des Jahres

"Die einzige Verteidigungswaffe, die wir heute besitzen, ist die Drohung: Wenn ihr Millionen unserer Menschen tötet, werden wir Millionen eurer Menschen umbringen.

Wer ist, was denkt und fühlt der typische Deutsche?: Herrn Jedermann ins Herz geschaut

Jahraus, jahrein sind sie uns auf der Spur. Ebenso höflich wie unverhofft tauchen sie bei uns zu Hause auf oder fangen uns ab auf belebten Straßen und Dienste Fast immer mangelt es ihnen an schlechtem Gewissen, denn auf ihre Weise stehen sie im Dienste des Allgemeinen: jene Meinungsforscher aus den bekannten Instituten, die wissen wollen, was wir über Gott und die Welt denken, welche Politiker und Parteien sich gerade unserer Gunst erfreuen dürfen und wie uns überhaupt tiefinnerlich zumute ist.

Im Dutzend besser?

Der Rückblick könnte Anlaß geben, mit großen Erwartungen in die europäische Zukunft zu sehen. Die Gemeinschaft hat im vergangenen Jahr manches Geröll beiseite geschafft und den Weg zu neuen Zielen freigeschaufelt.

Der neue Ton macht noch nicht die Musik

Am Neujahrstag sind sie noch einmal den Fernsehzuschauern der anderen Supermacht so erschienen, wie die Welt sie vom Genfer Plauder-Gipfel in Erinnerung hat: verbindlich, aber uneins.

Wolfgang Ebert: Richtigstellung

Zum Jahreswechsel drängt es uns, Ihnen zur Entlastung unseres Gewissens zu versichern, daß wir Sie nie und gar öffentlich! – als total.

Der Schuldenberg wächst

Das vergangene Jahr gebar ein neues Schlagwort: "Politische Lösung der Schuldenkrise." Nach hektischem Krisenmanagement, ausgelöst durch den mexikanischen Schuldenschock vom August 1982, setzte sich 1985 immer stärker die Einsicht – oder auch: die Hoffnung – durch, daß die Dritte Welt ihre auf rund 970 Milliarden Dollar aufgelaufenen Verbindlichkeiten aus eigener Kraft nicht mehr zurückzahlen kann.

Kein Ausweg am Kap

Seit dem August 1962 wird Nelson Mandela, Führer des schwarzen Kampfes gegen die Apartheid und Präsident der Oppositionsbewegung African National Congress (ANC), in Gefangenschaft gehalten, länger als irgendein Häftling, der je irgendwo auf der Welt nach seiner Entlassung eine politische Rolle spielen konnte.

Ben Witter: Angetippt

Die Konfektionsanzüge aus Amerika, Deutschland und Italien hatten keine Weste, und zum Jahreswechsel wollte ich endlich einmal alles Irreguläre und Unkonventionelle mit dem Schrei nach Individualität und Bequemlichkeit auf den Kleiderbügeln hängen lassen.

Ende der Diktatur?

Wohin steuern die Philippinen? Hat die Demokratie in dem seit nunmehr 20 Jahren von Präsident Ferdinand Marcos autoritär regierten südostasiatischen Inselstaat noch eine Chance, oder versinkt das Land noch tiefer im tödlichen Strudel von Wirtschaftskrise, sozialer Not und kommunistischer Rebellion? Entladen sich die wachsenden gesellschaftlichen Spannungen in offenem Bürgerkrieg, oder können Reformen die Sprengkraft der politischen Polarisierung noch entschärfen? Die Philippinen, kein Zweifel, stehen am Scheideweg.

Frieden im Visier

Frieden wollen sie alle – Israelis, Jordanier, Palästinenser. Nur versteht jeder etwas anderes darunter. Die Israelis wollen direkte Gespräche mit den Jordaniern führen, die Jordanier wiederum nur unter dem schützenden Dach einer internationalen Konferenz, die Sowjets eingeschlossen, mit den Israelis verhandeln.

Die Chauvinisten

Verträumte Spazierwege, weite Lichtungen, Tennisplätze, mit Laub übersät. Mild strahlt die Wintersonne durch die nackten Äste und taucht die Idylle in einen goldenen Schimmer.

"Professor h. c.": Ein Fall von Filz

Auf der Tagesordnung stand das Thema hintenan. Unter Punkt sieben hieß es: "Vorschlag an den Innenminister zur Verleihung der Bezeichnung ,Honorarprofessor‘ an einen nebenamtlich Lehrenden".

Szenen aus dem Allgäu: Der genarrte Landrat

Wieder eine Niederlage für die Satire: Das Nachspiel eines ironisch-kritischen Heimatfilms "über bizarre Bräuche, Obrigkeitshörigkeit und Bigotterie im Allgäu" (Spiegel) droht den gewiß drastischen Film noch zu übertrumpfen.

Waldsterben: Armer Schwarzwald

Hanspeter Schweizer, Besitzer einer kleinen Druckerei in Kirchzarten bei Freiburg, brachte im Frühjahr 1984 eine ungewöhnliche Postkarte heraus.

Die deutsche Kolonialpolitik

Die Deutschen als Kolonialisten seien, ihr Verhalten an der "Peripherie" (sprich Afrika, Ostasien und Südsee) insgesamt gesehen, nicht besser oder schlechter gewesen als Engländer, Franzosen, Belgier und Portugiesen.

Minister in Bedrängnis

Offenbar verblüfft reagierte der Vorstand der IG Metall auf ein Interview des Bundesarbeitsministers Norbert Blüm zum Jahreswechsel.

Bonner Kulisse

Der gewissenhafteste Minister des Jahres heißt Ignaz Kiechle. Der für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten verantwortliche CSU-Mann hat nämlich genau Buch darüber geführt, wie er "das Feld der Öffentlichkeit beackert".

Österreich: Ein Skandal kommt selten allein

Mit der Weihnachtsruhe war es diesmal nichts: Nur wenige Wochen, nachdem der Skandal um den verstaatlichten Stahlriesen Voest Alpine Österreich in Unruhe versetzte, folgte die nächste Erschütterung.

Mit Postkarten auf Giftsuche

Ein Bauzaun aus gelben Brettern, gut zwei Meter hoch, vor allem für Kinder nicht leicht zu überwinden. Ein Schild: "Betreten verboten.

Eine große Chance

Wichtigstes Resultat der Konferenz ist für mich die große Chance zur Vollendung eines umfassenden Binnenmarktes, der die gleiche Kraft und Dynamik entwickeln könnte wie der große amerikanische Markt.

Enorme Differenzen

Beim Tempo der Geldentwertung hielt die Bundesrepublik 1985 erfreulicherweise nicht mit: Während die Verbraucherpreise in Bolivien mit nahezu 10 000 Prozent und weitem Vorsprung gegenüber den meisten anderen Ländern davonrasten, lag der Preisindex in der Bundesrepublik nur um 13 Prozent über dem Vorjahr.

Hire und Fire im Handel

Fünf Jahre der Umsatzstagnation konnten nicht ohne Folgen bleiben: Der deutsche Einzelhandel, der in diesem Jahr erstmals seit 1980 wieder auf ein – wenn auch bescheidenes – reales Umsatzplus von einem halben Prozent hoffen darf, geriet in die Schlagzeilen.

Zeitraffer

Zum Jahreswechsel zog Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg eine erfreuliche gesamtwirtschaftliche Bilanz. Eine Preissteigerungsrate von gegenwärtig deutlich unter zwei Prozent habe es seit fünfzehn Jahren nicht mehr gegeben.

Der Coup der lahmen Ente

Wer hätte es für möglich gehalten, daß sich tatsächlich im US-Repräsentantenhaus eine Mehrheit für die totale Reform der Einkommensbesteuerung finden würde? Die Kongreßabgeordneten selbst waren ganz verblüfft, als Sprecher Tip O’Neill die Gesetzesvorlage flink für angenommen erklärte – bevor eine Forderung nach namentlicher Abstimmung laut werden konnte.

Das Reich der Männer

Was hat man nicht alles unternommen, um Mädchen auf "Männerberufe" einzustimmen! Modellversuche, viel PR und gutes Zureden brachten denn auch tatsächlich ein paar tausend dazu, es mit der Werkzeugmechaniker-, Schlosser- oder Dachdeckerlehre zu probieren.

NRW-Kollegschule: Tauziehen ohne Ende

Eine Posse. Beteiligt sind: die Kultusminister von Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg, Hans Schwier also, Hans Maier und Gerhard Meyer-Vorfelder.

Das Stedtl im Staat

In einem Bericht über Bettler in der Heiligen Stadt stellte die Jerusalem Post die folgende Frage: "Wie ist es möglich, daß im Staate Israel, in einem sozialistischen Land, mehr noch: einem jüdischen Land, Menschen durch das Netz der sozialen Sicherheit fallen und auf der Straße landen?" Der israelische Finanzminister Yitzhak Moda’i räumte Ende des Jahres 1984 ein, die steigenden Hypothekenzinsen würden vor allem viele junge Paare in arge Bedrängnis bringen, er äußerte aber zugleich seine Zuversicht, daß in solchen Fällen "das jüdische Herz eine Lösung finden" werde.

Havanna, am Tag der Gastronomie, in der Woche der Brandverhütung, im Monat der Heiterkeit, im Jahr des III. Parteitags: Morgen ist auch ein Tag, aber zuerst etwas Musik

Fiünf Tage habe ich Spanisch gelernt, die "indefinitive Vergangenheit" gebüffelt, bis ich sie aufsagen und niemals anwenden kann, nichts hat geklappt, das Visum nicht, der Flug nicht, die Hotelbucnung nicht, und nun bin ich doch in Kuba und nicht in Gander, Neufundland, abgestürzt, und mein Name – "Henry Rowchet" – steht sogar auf einer Liste, und es gibt einen Bus oder, wie wir Kubaner sagen, un guagua, der uns Filmfreaks in den Hotelvorort Vedado, die einstmals Verbotene Stadt, bringt, der Fahrstuhl funktioniert, und die Fahrstuhlführerin sagt zu einer Dame: "So früh schon auf? Geht’s an den Strand?" Die Dame bestätigt das, und dann fallen sich Fahrstuhlführerin und Dame um den Hals, küssen sich ab und wünschen einander noch einen schönen Tag.

Zeitmosaik

"Die Uneinigkeit der Einzelgänger" – unter diesem von Heinrich Böll entlehnten Motto wollen sich vom 7. bis 9. Februar rund 50 Autoren und Schriftstellerinnen aus der Bundesrepublik und Berlin im Haus des Literarischen Colloquiums am Wannsee treffen, um den 1984 am gleichen Ort unter dem Motto "Flüchtlingsgespräche" begonnenen Meinungsaustausch fortzusetzen.

IM KINO

Gudrun Landgrebe, erotische Eisheilige in Liliana Cavanis "Leidenschaften" • Eine Schweine-Komödie: "A Private Function – Magere Zeiten" von Malcolm Mowbray • Drei Frauen, zwei Männer und Kalifornien: "Choose Me" von Alan Rudolph.

Grass in der Sowjetunion verlegt: Der Zensor ist Lektor

Lange Zeit war Günter Grass persona non grata in der Sowjetunion. Er erfüllte in seinen Werken in den Augen sowjetischer Funktionäre weder die Kriterien des sozialistischen Realismus noch entsprach seine politische Haltung den sowjetischen Vorstellungen.

Hamlets Arbeit: Mord

Tragelehns kühner Zugriff auf Shakespeare in München – und an der Burg singt Klaus Maria Brandauer

Kunstkalender

1897, vier Jahre vor seinem Tode, ein frappierendes Bild, die Lithographie "Elsa, die Wienerin". Ist Henri Toulouse-Lautrec, der von altem Adel abstammte, ausgewichen, hat er seine vertraute Umgebung verlassen, den Montmartre, die Moulin Rouge, das Milieu der Dirnen und zwielichtigen Existenzen, des Zirkus, der Cafés-chantants? Er, der von er Malerei herkam und sich an Degas, Gauguin und anderen orientiert hatte, war doch ein Graphiker geworden, das Schwarzweiß und die Linie dominierten fortan.

Mein Taschenbuch: Tomi Ungerer "frisch frosch fröhlich frei"

Ist ein Frosch nur ein Frosch? Ist ein Frosch mehr als ein Frosch? Als die schöne Königstochter dem Frosch versprach, daß er nicht nur bei ihr am Tisch sitzen und aus ihrem Teller essen, sondern sogar bei ihr (und womöglich mit ihr) in einem Bett schlafen dürfe, dachte sie: papperlapapp, der einfältige Frosch, dem brauchst du nicht Wort zu halten, "der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt und kann keines Menschen Gesellen sein".

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