Vom Wertewandel in unserer Zeit

Von Theo Sommer

I.

Ein Begriff macht Karriere: Wertewandel. Es ist ein breiiger Begriff, schwer zu fassen und kaum zu definieren. Die Verwechslung liegt nahe mit einem anderen modischen Terminus: Stimmungsumschwung. Aber die beiden Erscheinungen haben wenig miteinander zu tun.

Der Pendelschlag vom Pessimismus der Unheilspropheten in den späten siebziger Jahren zum neuen Zukunftsoptimismus der Mittachtziger, wie ihn sämtliche Meinungsumfragen belegen, ist eines – das Wellengekräusel an der Oberfläche, verursacht vom Auf und Ab flüchtiger Launen und Gefühle. Der Wertewandel, der viel beredete, ist etwas ganz anderes. Er reicht tiefer und hat sich von länger her angebahnt.

Nicht, daß es zu einer völligen Verkehrung aller bisherigen Vorstellungen kommen wird, zu einer "Umwertung aller Werte" im Sinne Friedrich Nietzsches; eher ist, wie noch stets in der Geschichte, eine Synthese aus altem und neuem Denken zu erwarten. Aber in einem Zeitalter, da der Mensch im groß organisierten Dasein der Industriewelt ein ganz neues Arbeitserlebnis erfährt; da er drauf und dran ist, die ihn umgebende Natur zu zerstören; da er gelernt hat, die eigene Gattung auszulöschen – in solch einem Zeitalter darf es niemanden verwundern, daß sich auch die Hierarchie der Werte wandelt, die Betrachtung der Dinge überhaupt. Nirgends wird dies deutlicher als auf den Feldern Arbeit und Leistung, Natur und Umwelt, Technik und Fortschritt.

II.