Von Hans Jakob Ginsburg

Seit dem August 1962 wird Nelson Mandela, Führer des schwarzen Kampfes gegen die Apartheid und Präsident der Oppositionsbewegung African National Congress (ANC), in Gefangenschaft gehalten, länger als irgendein Häftling, der je irgendwo auf der Welt nach seiner Entlassung eine politische Rolle spielen konnte. Mandela spielt sie heute schon – oder immer noch: Trotz seiner völligen Isolierung im Hochsicherheitsgefängnis von Pollsmoor bei Kapstadt ist er der Führer einer Oppositionsbewegung, deren Mitglieder in der Mehrzahl zu jung sind, als daß sie ihn je hätten sehen können. Die Forderung, Mandela freizulassen, eint den internationalen Protest gegen Pretorias Rassenpolitik wie die zerstrittenen Flügel der inländischen Opposition.

Für die Regierung ist Mandela ein Kommunist (begründet wird das mit einer leicht widerlegbaren Fälschung), ein Terrorist (weil unter seiner politischen Führung schwarze Oppositionelle von 1960 bis 1962 Sabotageakte verübten, die sich nie gegen Menschen richteten), ein politischer Krimineller, dessen Familie Schikanen ausgesetzt wird.

Seit dem September 1984 ist Pieter Willem Botha Präsident in Pretoria, ein Staatschef, der sich eine neue Verfassungsordnung auf den Leib geschneidert hat: Gegen den Willen dieses Präsidenten geht nichts nach den Gesetzen der Südafrikanischen Republik, aber in der politischen Wirklichkeit schlagen seine Rechnungen dennoch fehl.

Unter dem Präsidenten Botha starben über tausend Menschen bei politischen Unruhen, sank der Kurs der Landeswährung auf die Hälfte des Wertes, wurden Inder und Farbige, die Botha mit der neuen Verfassung zu Parteigängern des Rassenstaates machen wollte, zu Scharen ins Lager der militanten Opposition getrieben. Die Radikalen gewannen in den jungen Schwarzen der Townships eine revolutionäre Basis und in den am Regime des Präsidenten verzweifelnden weißen Unternehmern und Kaufleuten interessierte Gesprächspartner. Die schwarzen Gegner Bothas erlangten internationale Reputation – vom Friedensnobelpreis für den Bischof Tutu bis zu internationalen diplomatischen Bemühungen für die von Bothas Behörden bedrängte Winnie Mandela, Nelsons Ehefrau.

Die Konzilianten und Friedfertigen unter den Schwarzen sehen sich durch Bothas Hinhaltepolitik immer wieder getäuscht und desavouiert: Bothas Mitarbeiter deuten Reformbereitschaft an, aber der Präsident schweigt; dann spricht der Präsident, aber statt des großen Wandels kündigt er kleine Gesetzesänderungen an; konkrete Zusagen wird er einlösen, gewiß, aber nicht gleich, sondern – wie im Fall der Abschaffung des widerlichen Rassenschande-Paragraphen – fünf, sechs Jahre nach der Ankündigung. Nichts berechtigt zu der Annahme, Pieter Willem Botha, der in diesem Januar seinen 70. Geburtstag begeht, werde diese Schaukelpolitik aufgeben.

Am rechten Rand des südafrikanischen politischen Spektrums zerbröselt wegen Bothas zaghaften Konzessionen an die Nicht-Weißen die Wählerbasis seiner Partei. Weil Parlamentswahlen bevorstehen, wird sich der Präsident jedem Wandel in Zukunft noch entschiedener widersetzen als bisher. Der konservative Botha empfand sich nie als Reformator des burischen Rassenstaates, sondern als Neuformulierer der Apartheid-Regeln. Er kämpft um den Erhalt der weißen Vorherrschaft. Das Krisenjahr 1985 hat ihn nicht vom Glauben abgebracht, er könne sein Ziel durch militärische Übermacht, kosmetische Veränderungen des "Systems der getrennten Entwicklung" und ein den ausländischen Gesprächspartnern schmeichelndes antikommunistisches Gehabe erreichen.