Von Barbara Ungeheuer

Hey Bubbles", "Hallo Sprudel", rufen ihr oft Passanten zu, bevor sie, meistens schon früh morgens, in den Bauch der New York City Oper am Lincoln Center steigt. Der Kosename begleitet sie seit dem ersten Lebenstag. Beverly Sills, alias Bella Silverman aus Brooklyn, ist längst Teil der Wahrzeichensammlung, mit der sich ein waschechter New Yorker gern identifiziert, wie beispielsweise "Westside Story". Kinderstar, Operndiva, Talk-Show-Moderatorin, Intendantin – Kunst und Geschäft: Sie personifiziert die beiden Grundpfeiler, die das Gewächshaus Manhattan im gesunden Wucherzustand halten.

Wer Beverly Sills im opulenten Operndekor als Königin Elisabeth oder Maria Stuarda (Donizetti) erlebt hat, staunt zunächst über die Schlichtheit, mit der sie die Rolle der Geschäftsführerin eines Unternehmens ausübt, das rund 500 Angestellte zählt. Im fensterlosen Intendantenzimmer – es wirkt wie eine aus den Mementos ihrer früheren Karriere zusammengebastelte Puppenstube – braut sie soeben den Kaffee, telephoniert, begießt drei Krautköpfe, gibt mir die Hand, öffnet die Post, alles im Simultanverfahren, so scheint es, und eröffnet: "Bin heute nicht in Form, brüte eine Grippe aus." "Sprudel" unter einem Kronkorken? Ihre Stimme, erstaunlich tief für eine Koloratrice, scheint in bester Verfassung, wenn sie lacht und sagt: "Sollte ich zu reden aufhören, dann holt bitte sofort den Krankenwagen." Sie weiß, ihr Mundwerk ist ebenso legendär wie einst ihr Triller. Allein auf ihr Durchhaltevermögen ist sie wirklich stolz, und so fällt ihr auch gleich eine Geschichte zu diesem Thema ein. Beverly Sills sollte kürzlich der Plattenneuauflage dreier Verdi-Arien zustimmen, die sie, ihrer Meinung nach, überhaupt nie gesungen hatte. Erst als sie im persönlichen Archiv, unter den hundert Opernrollen, die sie einmal beherrschte, die fraglichen Notenblätter entdeckte, wurde ihr klar, daß diese Aufnahmen tatsächlich nach einem Auftritt im Londoner Covent Garden entstanden waren. Allerdings hatte man sie damals auf einer Trage fast bewußtlos aus dem Studio tragen müssen.

Beverly Sills nimmt nicht gern Rücksicht auf sich selbst. "Lieber vier Jahre Callas sein als vierzig Jahre auf Nummer sicher gehen." Und: "Werde lieber des schlechten Geschmacks bezichtigt, als daß ich mein Opernhaus zu einem Intellektuellenforum mache." Sie spricht an, was ihr manche Kritiker vorgeworfen haben. Daß sie einerseits mit der Einführung eines Operetten- und Musicalzyklus die City-Oper vulgarisiere, andererseits aber mit ihrer Auswahl an neuen Produktionen, wie etwa Philip Glass’ "Akhnaten", die Fähigkeiten ihres Ensembles überschätze. Miß Sills rührt die Kritik wenig. "Wir haben den größten Publikumszuwachs seit Jahren, und unser Budget von 15 Millionen Dollar ist von den Sponsoren akzeptiert und gedeckt worden."

Immerhin würde ihr niemand je streitig machen,daß die City-Oper "ihr Haus" ist. Denn seit sie 1955 als Rosalinde in der Fledermaus debütierte, hat sie der vor vier Jahrzehnten als Volksoper gegründeten Repertoirebühne die Treue gehalten. 25 Jahre lang sang sie dort, wie auch in allen großen Häusern Europas, die von ihr so geschätzten, weil nicht so bekannten Belcanto-Rollen aus dem französischen ("Manon") und italienischen ("Roberto Devereux") Repertoire. Nach ihrem letzten Bühnenauftritt ("Da bin ich stur wie Greta Garbo") übernahm sie vor fünf Jahren die Intendanz.

Scott Fitzgeralds Diktum "Es gibt keinen zweiten Akt im Leben eines Amerikaners" hätte auch beinahe Beverly Sills eingeholt. "Die letzten Jahre waren höllisch, mein Leben auf der Bühne dagegen geradezu idyllisch." Sie erklärt: "Als Sängerin vertraut man seinen zwei Stimmbändern und kann sich nach einem Auftritt jedesmal sagen, das nächste Mal mache ich dies oder jenes besser. Als Indentant ist man wirklich von Gottes Gnaden abhängig. Wird Er die lang geplante Traumbesetzung heute abend ohne plötzlichen Ausfall gestatten?"

Beverly Sills beherrscht inzwischen den Sprachschatz eines selbstbewußten Kulturapostels. Nach fünf Lehrjahren ("Ich habe anfangs zu sehr dem Geschmack anderer vertraut") hat sie ihren Laden im Griff. Mit Bienenfleiß und ihrer bei den Geldgebern gefürchteten Überredungskunst erreichte sie, was ihr in den ersten Jahren nicht einmal die Fans zutrauen mochten. Sie hat eine von privaten Mäzenen abhängige Repertoirebühne aus der drohenden Insolvenz gerettet. Sie überstand einen wochenlang andauernden Orchesterstreik und konnte dennoch die Eintrittspreise auf ein erschwingliches Niveau senken (im Nachbarhaus, der "met", kostet heute eine Karte das Vierfache). Sie hat, dem Hohn der Puritaner zum Trotz, englische Untertitel für fremdsprachige Opern eingeführt, mit der Folge, daß heute beinahe alle amerikanischen Opernhäuser den kleinen Bildschirm über der Proszeniumsloge eingebaut haben. Und schließlich – darin sieht sie ihre Mission – hat sie sich zum Impresario junger Talente gemacht, die nicht mehr "de rigeur" ihre Sporen in Europa verdienen müssen, bevor sie in der eigenen Heimat künstlerisch akzeptiert werden. "Gott küßt Stimmbänder nicht mit Rücksicht auf die Geographie, und er hat uns allen ein Paar Ohren gegeben. Verdi gehört nicht nur den Italienern oder Wagner allein den Deutschen. Leontine Price, Joan Sutherland, Marilyn Horne, wir alle kamen aus der Wüste."