Von Dirk Kurbjuweit

Ein Bauzaun aus gelben Brettern, gut zwei Meter hoch, vor allem für Kinder nicht leicht zu überwinden. Ein Schild: "Betreten verboten." Wer hinter den Zaun will, muß sich in eine Liste eintragen und Gummistiefel anziehen. Auf dem Weg zum Tor zeigt Paul Meusinger, Leiter des Essener Ordnungsamts, ein altes Schwarzweißphoto: Schornsteine, ein Förderturm, verschiedene Gebäude – eine Aufnahme von "Mathias Stinnes", einer Zeche mit Kokerei, die hier einmal gestanden hat.

Hinter dem Zaun ist der Boden großflächig aufgewühlt. Die Erde ist dunkel, an tieferen Stellen schimmert grünlicher Sand durch. Es riecht wie in der chemischen Reinigung. Ein Baggerführer zeigt auf die Schaufel seines Baggers, von der aus der Erde eine zähflüssige, glänzende, schwarze Masse heruntertropft. "Anthrazen", sagt Meusinger, "ein typischer Kokereirückstand, krebserregend." Der größte Teil des Bodens ist verseucht mit dem giftigen Teeröl. "Schlamm drüber, nach uns die Sintflut", mögen die Betreiber bei Schließung der Kokerei gedacht haben. Das Anthrazen tropft nun schon seit über einem Jahrzehnt ins Grundwasser, das bis jenseits der Karnaper Straße vergiftet ist, wo die ersten Häuser einer Wohnsiedlung stehen.

Über Altlasten wie "Mathias Stinnes" in Essen wird zur Zeit viel gestritten. Sie gefährden Umwelt und Menschen und behindern – speziell im Ruhrgebiet – den Stukturwandel. Deshalb müssen sie rasch verschwinden, was nach einer Schätzung des Umweltbundesamts mindestens siebzehn Milliarden Mark kosten wird; 35 000 Altlasten soll es in der Bundesrepublik geben. Bislang zahlen die Sanierung vor allem die Kommunen, die den Schwarzen Peter nun aber loswerden wollen. Denn eine Stadt wie Essen wird mit dem Problem der alten Lasten allein nicht mehr fertig.

Wer bei Essen immer noch an Kohle und Stahl denkt, hat die Entwicklung der letzten Jahrzehnte verschlafen. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat hier kein Hochofen mehr gebrannt; die letzte von fast vierzig Zechen schließt im nächsten Jahr. Um verlorene Arbeitsplätze zu ersetzen, sollten moderne Betriebe angezogen werden. Da Freiflächen im dichtbesiedelten Revier rar sind, wollte man die Montanruinen schleifen, um Platz für neue Gewerbegebiete zu schaffen.

1980 wurden 22 Hektar von "Mathias Stinnes" für knapp sechs Millionen Mark gekauft. Vom Gift im Boden ahnte die Stadt nichts, der Verkäufer schwieg sich aus. Ersten Verdacht schöpfte das Ordnungsamt bei Probebohrungen kurz vor Baubeginn. Ein Gutachten brachte es dann an den Tag: Benzol, Naphtalin, Anthrazen und Phenol machten den Boden zu einer Zeitbombe. Zwei Notwasserbrunnen drohte die Vergiftung.

Die verseuchte Erde – insgesamt rund 25 000 Tonnen – mußte weg. Aber wohin? Schönberg in der DDR wurde der Transportspedition schließlich als Ziel vorgegeben, "mit großem Unbehagen", wie Meusinger sagt. Er weiß, daß das Problem so nicht gelöst, sondern nur aus dem eigenen Gesichtskreis gerückt wird. Aber Technologien, verseuchten Boden in dieser Menge zu entgiften, gibt es noch nicht.