Impressionen von einem Filmfestival auf Kuba

Von Harry Rowohlt

Fiünf Tage habe ich Spanisch gelernt, die "indefinitive Vergangenheit" gebüffelt, bis ich sie aufsagen und niemals anwenden kann, nichts hat geklappt, das Visum nicht, der Flug nicht, die Hotelbucnung nicht, und nun bin ich doch in Kuba und nicht in Gander, Neufundland, abgestürzt, und mein Name – "Henry Rowchet" – steht sogar auf einer Liste, und es gibt einen Bus oder, wie wir Kubaner sagen, un guagua, der uns Filmfreaks in den Hotelvorort Vedado, die einstmals Verbotene Stadt, bringt, der Fahrstuhl funktioniert, und die Fahrstuhlführerin sagt zu einer Dame: "So früh schon auf? Geht’s an den Strand?" Die Dame bestätigt das, und dann fallen sich Fahrstuhlführerin und Dame um den Hals, küssen sich ab und wünschen einander noch einen schönen Tag. Im Laden des Hotels wirken vier Mädchen, und das geht so, daß immer eine bedient und sich die anderen drei unter lautem Geschnatter gegenseitig die Haare kämmen. Bei Rot geht man über die Straße, und zum Frühstück gibt es Bier. Wenn das Sozialismus ist, soll er mir recht sein.

In der morgendlichen Nachrichtensendung von Tele Rebeide, die ein Vorbild für unser Privatfern-Augen." Ein Elftett erscheint und spielt vier Minuten lang Entfesseltes. "Vielen Dank und noch viel Glück."

Dann, triumphierend: "Bonn." Ein Photo vom Kölner Dom wird eingeblendet. "Die regierende Koalition aus Konservativen und Liberalen schwebt wegen der westdeutschen Beteiligung am nordamerikanischen ‚Krieg der Sterne’-Programm in einer schweren Krise. Hören wir nun einen musikalischen Kommentar zum Yanqui-Imperialismus." Zu reichlich Samba wird ein Kindlein gezeigt, das auf einem Nachttopf in Form eines Uncle-Sam-Zylinders sitzt und beziehungsreich mit einer Dollarnote wedelt. Man muß es mögen.

Mit einer Dollarnote brauche ich gar nicht erst zu wedeln; mir sieht man den Gringo auch so an. "Feel free to cross the lawn, man; this ain’t Germany", quatscht mich ein junger Mann in pechschwarzem US-Englisch an.

Woher er weiß, daß ich Deutscher bin? "Du hast ‚Scheiße‘ gesagt, als du gestolpert bist, und weil mein Bruder in Stuttgart studiert, weiß ich, was das heißt. Sonst hätte ich dich für einen Brasilianer gehalten, weil du die Stiefel unter den Hosenbeinen trägst. Alle anderen Völker protzen mit ter stammt nämlich von einer anglophonen Karibik-Insel, und den letzten Schliff hat er sich durch kundiges Anhören von Soul-Platten und Feindsendern geholt.