ARD, Sonntag, 29. Dezember: „Tatort – Schicki-Micki“ von Herbert Riehl-Heyse und Ernst Fischer

Die Rede ist gerade von „unserem Mike“: „Die Flamme, die in jedem Journalisten brennt, ist erloschen.“ Bei Mike Zoller vom Kurier kann sie auch gar nicht mehr brennen. Er ist nämlich nicht etwa von seinem Beruf enttäuscht, sondern tot. Der Chefredakteur hält am offenen Grab eine triefende Trauerrede. Wie sich später herausstellt, wurde Zoller von einem Kollegen erschlagen, vom Fernsehkritiker des Blattes übrigens. Die diese Geschichte für die „Tatort“-Reihe erfanden, sind selber Journalisten: Herbert Riehl-Heyse bei der Süddeutschen Zeitung, Ernst Fischer beim führenden Münchner Boulevardblatt, der Abendzeitung. „Schicki-Micki“ hieß der Film. Der Titel zumindest trifft München ins Herz.

Die Journalistenschelte, die der Film enthält, ist eher für Kollegen bestimmt. Über Albernheiten lacht man auf diesem Niveau nur, wenn man selber an ihnen beteiligt ist. Diese Szenen hatten etwas von der kritischen Wucht eines Tafel-Graffitos in der Schule. Dort haben Lehrer meistens lange Nasen. Der Chefredakteur des Kurier, Herr von Plottwitz, ist entsprechend ein öliger, schmieriger Typ, der eine Redakteurin mit „Kindchen“ anspricht, wenn er einen kritischen Artikel abwimmeln will. Der Verleger telephoniert mit dem Chefredakteur schon früh morgens, weil er sich wegen unliebsamer Berichterstattung um finanzträchtige Anzeigen sorgt. Der Feuilletonchef schließlich, der auch Musikkritiker ist, trägt eine weinrote Fliege. Wenn das Joachim Kaiser sieht!

Aber die Krimireihe heißt nicht „Arbeitsplatz“, sondern „Tatort“, also muß etwas passieren: der Mord an Zoller, zum Beispiel. Zoller war zwei Gastronomiehaien auf der Spur. Sie versuchen mit unlauteren Mitteln die Konkurrenz niederzumachen, speziell alte Münchner Wirtshäuser, die sie in Schicki-Micki-Kneipen verwandeln wollen. Notfalls schicken sie Schlägertrupps los. Gerade von diesen kriminellen Gastronomen läßt sich der Fernsehkritiker, der auch eine Art Klatschkolumnist ist, bestechen: 2000 Mark pro Monat. Zoller hat den Beweis. Deshalb wird er sterben. Ganz schön kleinkariert, das Journalistenmilieu.

Zum München-Bild des Films trägt neben ein paar Szenen auf der Leopoldstraße und ausführlichem Stammtischmief vor allem der Darsteller des Kommissars bei: Helmut Fischer. Seit er als Vorstadt-Filou in Helmut Dietls erfolgreicher Serie „Monaco Franze“ zu seiner Frau immer „Schatzl“ sagte, ist er der alternde Stenz vom Dienst, ein betont gemütlicher Schwerenöter. Fast schon frömmelnd illustriert er die angebliche liberalitas bavariae, auch diesmal.

Immer wieder winken uns die Autoren des Krimis mit Zaunpfählen zu. Die schlimmsten Verbrecher, differenziert der Kommissar seine Kundschaft, seien jene Typen, die uns „mitm Dreck im Essen und in der Luft“ umbrächten. Ein Scherzchen trifft die Beamten, ein anderes handelt, unter Männern, vom Fußball. Das Drehbuch ist schlecht. Wenn wir etwas über Klatschkolumnisten und die Münchner Schicki-Micki-Szene erfahren wollen, müssen wir auf die nächste Serie von Helmut Dietl warten: „Kir Royal“.

Regisseur dieses Tatorts war Hans-Reinhard Müller, Dieter Doms Vorgänger als Intendant an den Münchner Kammerspielen. Mit einem Krimi-Regisseur konnte man ihn nie verwechseln. Herr Müller und der suspense: Dieses Kapitel seiner Biographie müßte noch geschrieben werden. Und so durften wir an diesem Abend erleben, wie Müller sich Spannung, überhaupt Film vorstellt. Ein Polizeiauto jagt den dicken Wagen des bestochenen Journalisten: Das ist wahrscheinlich, auch international gesehen, die langweiligste Verfolgungsjagd, die jemals gefilmt wurde. Bald nämlich biegt der Journalist rechts ab und fährt auf eine Nebelbank zu. Im Nebel verbirgt sich eine Baustelle. Peng! Wir haben den Dieb. Kaum hat man sich auf die Verfolgungsjagd eingestellt, ist sie auch schon zu Ende.