Ist ein Frosch nur ein Frosch? Ist ein Frosch mehr als ein Frosch? Als die schöne Königstochter dem Frosch versprach, daß er nicht nur bei ihr am Tisch sitzen und aus ihrem Teller essen, sondern sogar bei ihr (und womöglich mit ihr) in einem Bett schlafen dürfe, dachte sie: papperlapapp, der einfältige Frosch, dem brauchst du nicht Wort zu halten, "der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt und kann keines Menschen Gesellen sein".

Was stört sie eigentlich? Das klebrige, feuchtkalte Gefühl beim Anfassen seiner Haut? Seine Fähigkeit, sich ungebührlich aufzublasen? Erinnert sie sich an Gefühle unter der Bettdecke? Graust sie sich vor Potenzen in der Männerhose? Anne Sexton schreibt in einem Gedicht: "Beim Anfühlen des Froschs/ explodieren die Rühr-mich-nichtan-Gefühle/ wie elektrische Geschosse" und "Der Frosch ist meines Vaters Genitalien". Und Bruno Bettelheim, der psychoanalytische Enthüller von Kindheitswünschen, der diese Verse zitiert, fragt in seinem Erfolgsbuch "Kinder brauchen Märchen": "Warum ist der Frosch unter allen Tieren ein Symbol für sexuelle Beziehungen?" und fragt weiter: Warum liefert uns das Märchen vom Froschkönig einen "Schock der Erkenntis, wenn sich das, was uns tierisch vorkam, plötzlich als Quelle menschlichen Glücks enthüllt?" Ja, warum?

So sehr einem Märchen gleich es auch scheint, es ist keins: Tomi Ungerers Sexpraktiken der Frösche sind beileibe nicht nur artistische, ja phantastische Froschaktivitäten, es sind, legt man Bruno Bettelheim freizügig genug aus, Menschenwünsche, Menschenträume, Menschenpraktiken; es ist kein Wilhelm Grimm da, der die metaphorische Bettdecke über das lustvolle Geschehen zieht.

"Nach dem Kamasutra der Frösche more joy of sex for frogs, nach dem Motto frisch frosch fröhlich frei" hat Tomi Ungerer einen Katalog der Beischlafstellungen gezeichnet, wie sie ihresgleichen suchen; dagegen sind van de Veldes technische Koitus- und Kinseys statistische Petting-Beschreibungen harmlose Praktiken, und Guido Crepax’ "Geschichte der O" bleibt mit ihren Sexquälereien eine mittelalterliche Reminiszenz aus den siebziger Jahren: Ungerer hat die Tortur ins Lustvolle verwandelt.

Mit welcher Wonne durchbohren sich Ungerers Frösche mit Faschingspappnasen und dem Bogen des Cellos, mit welchem Entzücken penetrieren sie sich mit Sektpfropfen und der Schnute der Teekanne, dem harten Absatz des Damenschuhs und der schmelzenden Frische des abtropfenden Stalaktiten! Jedenfalls, die Frösche untereinander sind frei von jeder tiefenpsychologischen Scheu: Das Froschfräulein, aufgeworfenen Blicks, mit gelber Sumpfdotterblüte hinterm Ohr, streckt sein langes, schlankes Bein hoch in die Luft, und die erregten Herren, mit Lupe und Gebrauchsanweisung, studieren unermüdlich das unbekannte Bekannte. Nichts ist abartig, der Frosch kennt keine Hemmungen, und Ungerer kennt auch keine.

Vergessen sind alle Liederlichkeiten aus Großvaters Perversitätenkabinett, "das Obszöne", sagt Boris Vian, "existiert nur in den Köpfen derer, die es entdecken und es anderen andichten". Ja, wenn Ungerer nicht wäre!

(Tomi Ungerer: "frisch frosch fröhlich frei"; Diogenes Taschenbuch 21319, Diogenes Verlag, Zürich, 1985; 68 S.; 12,80 DM.) Ludwig Hang