Von Aloys Behler

Die Show ist aus, das Jahr herum, der Gabentisch abgeräumt, der Davispokal wieder in Schweden. Das große Finale von München, nächst Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaft das spektakulärste jemals in der Bundesrepublik ausgerichtete Sportereignis, ist von gestern; in Berlin, bei den Junior-Masters, steht für Boris Becker und seinesgleichen schon das erste Preisgeld des neuen Jahres auf dem Spiel. Die Show geht weiter.

Der Deutsche Tennisbund wird sich beeilen müssen, daß er mit der Inventur nachkommt. Derzeit stehen altgediente Funktionäre noch ein bißchen fassungslos vor der Bilanz der zwölf erfolgreichsten Monate deutscher Tennisgeschichte, ein bißchen schwindlig auf dem "Weltniveau", auf das sie sich, ohne recht zu wissen, wie ihnen geschah, so plötzlich gehoben sehen. Fast ein Davispokal unter dem Christbaum – das könnte leicht zu falschen Schlüssen verleiten.

Wer von allen, die jetzt in München mit ihm fieberten, ihn mit glasigen Augen anhimmelten, gierig zu Ion Tiriacs Prominenten-Auflauf ins "Sheraton Village" der Olympiahalle drängten, kannte vor Jahresfrist den Namen Boris Becker? Ein Azubi schwang sich über Nacht zum Champion auf und brachte das Tennis-Weltbild ins Wanken. Boris Becker – und was nun? Vor der Frage, wie es weitergehen wird mit dem deutschen Tennis, ob 1986 sich nahtlos an 1985 anschließen wird, mag den Verantwortlichen im Deutschen Tennisbund vielleicht doch ein wenig bang werden, wenn sie ihren Blick nach innen kehren.

Daß derzeit alle lieber nach rückwärts blicken – auf Boris Beckers schönen Wimbledonsieg, auf die schönen Siege im Davispokal, auf die schönen Tage in München – ist wohl verständlich. Dergleichen wird sich so schnell, wenn überhaupt je, nicht wiederholen. Zwar sprach Philippe Chatrier, der Präsident des Internationalen Tennisverbandes, bei der Siegerehrung in München den Deutschen aufmunternd zu mit dem Satz: "Ihr werdet bald wiederkommen!", doch war dies mehr eine aus Höflichkeit geborene Floskel als eine realistischen Aussicht. Das Jahrl985 war fürs deutsche Tennis einmalig. Was den Daviscup angeht: Die neue Saison beginnt für die Deutschen Anfang März mit einem Kampf in dünner Höhenluft gegen Mexiko; da könnte der Anfang auch schon das Ende sein.

Das Finale von München war ein für alle Beteiligten sicherlich unvergeßliches, ein großes Finale. Es hätte, mit noch ein bißchen mehr Glück, als es die Deutschen in dieser Daviscup-Saison ohnehin hatten, sogar gewonnen werden können. Michael Westphal, der zweite Mann im deutschen Team, hatte im letzten, alles entscheidenden Einzel seinen Gegner Stefan Edberg schon fast an dem Punkt, hinter dem es keine Rückkehr mehr gibt. Doch wäre ein solcher Sieg, so sehr man ihn dem Spieler Michael Westphal persönlich gewünscht hätte, am Ende wohl doch des Guten zu viel gewesen. Die Schweden gewannen schließlich zu Recht; eine Mannschaft gegen das – im Grunde doch nur – Ein-Mann-Team Boris Becker.

Dieser junge Mann aus Leimen, an dem alles hängt, zu dem alles drängt, dessen Leistung dieser Einzug ins Endspiel des Davispokals mit allen Begleiterscheinungen eines sportlichen Triumphes zu über neunzig Prozent zu verdanken ist, erscheint nach wie vor als ein ungebrochenes Phänomen. Seit er Wimbledon gewann, steht Boris Becker gerade für alle überzogenen Erwartungen seiner entzückten Gemeinde, pünktlich zu jedem Termin, bei dem es darauf ankommt. Zwar sagen alle, von einem so jungen Spieler dürfe man auch nicht zu viel erwarten, aber sie erwarten es doch. Fast könnte der Junge einem leid tun, wäre er nicht noch immer mit Vergnügen bei der Sache.