Umwege

Gebündelte Broschüren, dicke und dünne, werden aus einem kleinen Lieferwagen in einen Keller getragen und ordentlich in Regale gestapelt. Dort liegen sie nun, die Arbeitsergebnisse von Schreibern und Druckern, unbeachtet herum. Von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr setzen sie mehr und mehr Staub an. – Wer hat sie kommen lassen? Wer hat sie da unten im Keller vergessen? – Wozu das viele Gefrage – das Leben reguliert doch sowieso alles selbst: Eines Tages braucht nämlich jemand den Platz in den Regalen. Er staunt über die Papiermenge und staubt die Bündel ab. Er freut sich, daß sie schon verschnürt sind und packt die ganze Weisheit in den Kofferraum seines Trabanten. Fährt in eine Schule, wo sein Sohn, ein sechsjähriger Erstkläßler, mit dünnen Armen die Bündel nacheinander von der Klassentür zum Fenster schleppt und mit einem "Uff!" dort auf die alte Waage plumpsen läßt, daß der Zeiger heftig ausschlägt. Die Lehrerin rechnet mit Kreide an der Tafel die vielen Kilo zusammen. Die Klasse staunt und der Junge strahlt. Er erhält ein Bienchen oder ein Sternchen in sein Heft gestempelt, vielleicht auch eine Rakete, was weiß ich, und für den Trabantfahrer fällt auch ’was ab: ein dankbares Lächeln der Lehrerin. Ihre Klasse steht jetzt gut da im Wettbewerb.

So hat am Ende alles seinen Zweck.

Aus: "Sonntag", Ost-Berlin