Kathinka, ade

Erinnern wir uns: Der eben gewählte Bundespräsident Gustav Heinemann bestieg zu seiner ersten Auslandsreise nicht den Düsenjet für einen Interkontinental-Flug, sondern reiste in eines der Nachbarländer, in die Niederlande, denen das Deutsche Reich zweimal in diesem Jahrhundert nicht nur Unrecht getan, sondern Wunden geschlagen hat, die bis heute nicht vernarbt sind. Im Bewußtsein dieser historischen Schuld kam Kathinka Dittrich im August 1979 als Leiterin des Goethe-Instituts nach Amsterdam: Sie hat nichts verschwiegen oder beschönigt von dem, was zwischen Nachbarstaaten in zwei Generationen geschehen ist. Das hat dieser klugen, taktvoll arbeitenden Frau den Respekt der Amsterdamer, ja der Niederländer gesichert. Zu den größten Erfolgen der von ihr angeregten und organisierten Veranstaltungen gehören "Berlin – Amsterdam 1920-1940" (1982), "Mephisto-Mephistopheles, das Verhältnis des Künstlers zur Macht" (1983), "Von A – Z, deutsch- und niederländischsprachige Zeitschriften" (1983), "Die Verkehrte Welt" (1984) und zuletzt "Die Familie Mann – 100 Jahre europäischer Geistesgeschichte". Wie erfolgreich die Direktorin gearbeitet hat, zeigt sich daran, daß die Niederländer "ihre" Deutsche ungern als Leiterin der Programmabteilung Ausland in die Zentrale des Goethe-Instituts nach München ziehen lassen wollen. Das "Holland Festival" und das Niederländische Theaterinstitut richten Kathinka Dittrich ein Abschiedsfest aus, wie es noch keinem Direktor eines deutschen Kultur-Instituts beschert wurde. Am 3. Februar gibt es erst eine Forums-Diskussion über die kulturelle Identität der Völker in einem vereinigten Europa und am Abend ein einmaliges Gastspiel des Schauspielhauses Bochum mit Claus Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards "Theatermacher". Dazu ist eine zwölfseitige Broschüre erschienen, gestiftet von der Zeitung de Volkskrant, in der die Aktivitäten von Kathinka Dittrich in sieben Jahren Amsterdam und ein Interview mit ihr gedruckt sind.

Überflüssig

Das Überflüssige der Kunst und die Kunst des Überflüssigen – das ist ein großes Thema, zu dem die in Mürzzuschlag, Österreich, ansässige "Walter Buchebner Gesellschaft" einen überflüssigen, aber nachhaltigen Beitrag zu leisten sich anschickt, indem sie den Wiener Germanisten Wendelin Schmidt-Dengler, wahrscheinlich einen Großmeister des Überflüssigen, eine wahrscheinlich überflüssige Literaturtagung wie folgt einleiten läßt: "Es steht zweifelsfrei fest, daß durch die Konstitution des Grazer ‚Forum Stadtpark‘ und die Gründung der Zeitschrift manuskripte der Literatur aus Österreich ein bedeutender Zuwachs an Ansehen im In- und Ausland widerfuhr." Mit einem Wort: Genau! Schmidt-Dengler weiß "die unerhört disziplinierte Teilnahme der Autoren" bei früheren Tagungen zu rühmen. Da wurde nämlich "eine Form des Diskurses zwischen Autoren und Literaturwissenschaftlern etabliert, wie er (sie?) bislang in Österreich weitgehend unbekannt war." Wes der Kopf leer ist, des fließt der Satz über.

Tanz ’86 in Wien

Zum dritten Mal findet das Wiener Tanzfestival statt: "Tanz ’86" (15.Februar bis 17. April). An 59 Tanztagen finden 88 Veranstaltungen statt, im Theater an der Wien, in der Staatsoper, im Theater im Künstlerhaus und – zum ersten Mal nach ihrer völligen Sanierung – in der Secession. 16 Ensembles aus Ost und West stellen Klassik und Avantgarde vor. Eröffnet wird der Reigen mit dem Gastspiel eines der wichtigsten Choreographen der Moderne, mit Paul Taylor und seiner "Dance Company". Neben dem Bolschoi-Ballett, Béjarts "Ballett des XX. Jahrhunderts" (mit dem Erfolgsstück aus Brüssel "Wien, Wien, nur du allein") gastieren Reinhild Hoffmann mit dem Tanztheater Bremen, das Ballett der Komischen Oper aus Ost-Berlin, der Budapester Staatsoper, der Pariser Oper und viele kleinere Gruppen (Pilar Rioja Dance Company, Jelon Vieira/Dance Brasil oder Yoshiko Cnuma und Timothy Buckley.