Das Engagement der Röchling-Erben bei dem Rüstungs- und Maschinenbaukonzern ist ungewiß

Von Hans Otto Eglau

Zu einem ungewöhnlichen Schritt entschloß sich der Vorstand des Düsseldorfer Rüstungs- und Maschinenbaukonzerns Rheinmetall. In aller Form suchten die Topmanager bei ihrem Großaktionär um die Erlaubnis nach, Spekulationen über einen angeblichen Kauf ihres Unternehmens öffentlich entgegenzutreten. Mitte Dezember gab dann die Röchling Industrie Verwaltung GmbH die Pressemitteilung frei, daß Informationen über einen bevorstehenden Verkauf der Aktienmehrheit an deutsche Großunternehmen „jeder Grundlage entbehren“.

Drei Tage nach dem Dementi präsentierte sich der vermeintliche Ankauf-Kandidat selbst als Käufer: Unmittelbar nachdem er sich im Berliner Kartellamt für seine Akquisition den Segen des Fusionskontrolleurs Kurt Marken eingeholt hatte, verkündete Rheinmetall-Chef Hans Ulrich Brauner seine Absicht, die Mehrheit an der Neusser Vergaserfirma Pierburg zu übernehmen.

Das rheinische Familienunternehmen hatte im November für Aufsehen gesorgt, als sich der Münchener Siemens-Konzern nach erfolgreichen Übernahmegesprächen mit den Pierburg-Gesellschaftern als kommender Herr im Hause vorstellte. Doch die Elektromanager hatten ihre Rechnung ohne den ihnen ansonsten freundschaftlich verbundenen Autoausrüster Bosch gemacht. Die Schwaben halten nicht nur seit 1972 eine 20prozentige Beteiligung an Pierburg, sondern ließen sich damals gleichzeitig ein Vorkaufsrecht auf die restlichen Familienanteile einräumen. Da ihnen die Kartellwächter jedoch einen größeren Einfluß auf Pierburg nicht erlauben wollen, mußten sich die Siemens-Rivalen nach einem anderen Partner umsehen. Unter den Bewerbern um das Mehrheitspaket hatte Rheinmetall-Chef Brauner von Anfang an die besten Karten. Sein Unternehmen brauchen die Bosch-Manager kaum als gefährlichen Konkurrenten zu fürchten. Überdies schien er den Schwaben auch persönlich die beste Gewähr für ein gutes Einvernehmen zu bieten: Röchlings Mann in Düsseldorf war vor seinem Wechsel zu Rheinmetall selbst in Bosch-Diensten.

Mit der Übernahme der Majorität bei Pierburg dürften die Röchlings mit einem noch regeren Interesse an ihrem Rheinmetall-Besitz rechnen können. Ob der inzwischen fast 150 Kostgänger starke Erbenclan auf Dauer der Versuchung widersteht, Kasse zu machen, erscheint – dem jüngsten Verkaufsdementi zum Trotz – einigermaßen fraglich. Denn die Herren über das – vor allem durch seine Mitwirkung am Kampfpanzer Leopard international renommierte – Unternehmen sind seit Jahren mehr an Verkäufen interessiert.

Der Name Röchling steht denn auch mehr für eine große Vergangenheit als für gegenwärtigen Glanz. Neben den Stumms waren die Röchlings einst die industriellen Beherrscher der Saar. Doch der von Generation zu Generation zunehmende Verlust an unternehmerischer Substanz, die im deutsch-französischen Grenzraum besonders schwerwiegenden Folgen zweier Weltkriege und schließlich die Mitte der siebziger Jahre einsetzende Stahlkrise führten die Nachkommen Karl Röchlings auf die Verliererstraße. Schon 1971 hatte die Familie ihre Eisenwerke mit der Burbacher Hütte des Luxemburger Arbed-Konzerns fusioniert. 1978 traten sie ihre Gebr.-Röchling-Bank an die Bayerische Vereinsbank ab. Bereits ein Jahr zuvor hatten sie ihren Brennstoffhandel an die Haniel-Gruppe verkauft. Mit der Übertragung ihrer Anteile an der Stahlwerke Röchling-Burbach GmbH auf die Arbed schieden die Röchlings 1978 aus dem Kreis der Stahlindustriellen aus.

Trend zum Zivilen

Mit Unterstützung des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer hatte die Familie bei der Reprivatisierung von Staatsvermögen 1956 die damals noch wenig attraktive Firma Rheinmetall erhalten. Auf der Basis des von ihrem Gründer Heinrich Ehrhardt 1891 entwickelten Preß- und Ziehverfahrens zur Herstellung nahtloser Rohre war die Rheinische Metallwaren- und Maschinenfabrik Akt. Ges. bald zu einem führenden Waffenhersteller aufgestiegen. Als die Röchlings das 1938 in den Besitz des Reiches übergegangene Unternehmen in die Hand bekamen, zierten die Bilanz jedoch noch tiefrote Zahlen. Erst 1959 gelang es der Firma mit ihren seinerzeit 2400 Beschäftigten, einen bescheidenen Gewinn von 80 000 Mark auszuweisen. Inzwischen bringen es die mittlerweile 14 000 Mitarbeiter auf einen Umsatz von 2,6 Milliarden Mark.

Schon frühzeitig drängten die nach 1945 teilweise als Kriegsverbrecher eingesperrten Röchlings jedoch, sich nicht einseitig vom Rüstungsgeschäft abhängig zu machen. Rheinmetall erwarb mehrere kleinere Maschinenbaufirmen und wagte sich schließlich sogar in das für sie neue Konsumgütergeschäft: Aus dem Besitz der Erben des Geheimrats Sigle kauften sie 1979 die Mehrheit des Geislinger Besteckherstellers WMF. Doch erwies sich das Engagement gleich in zweifacher Hinsicht als Fehlgriff. Zum einen mußte Röchling schon bald erkennen, daß es mit der traditionsreichen Familienfirma eine kostspielige Sanierungsaufgabe übernommen hatte. Wichtiger noch: Das Kartellamt sperrte sich gegen die Fusion und zwang die Rheinmetall-Manager im November, nach jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen ihr WMF-Paket weiterzuveräußern.

Einen glücklicheren Griff tat der bis zum Frühjahr amtierende Rheinmetall-Chef Hans Ludwig Hockel dagegen mit dem Erwerb des Düsseldorfer Maschinenbau-Unternehmen Jagenberg im Jahre 1980. Das vor allem Papier- und Verpackungsmaschinen produzierende Unternehmen hat sich mittlerweile zu einer starken zweiten Säule der Rheinmetall-Gruppe entwickelt. Nach Eingliederung einiger kleinerer Altbeteiligungen brachte es Jagenberg 1984 bereits auf einen Umsatz von etwas über einer Milliarde Mark und übertraf damit das angestammte Rüstungsgeschäft. Bei der Kurskorrektur dürfte wohl auch die Angst vor imageschädigenden Rüstungsskandalen eine Rolle gespielt haben. So werden sich ab Mitte Januar vier leitende Rheinmetall-Mitarbeiter vor dem Düsseldorfer Landgericht wegen illegaler Waffenexporte zu verantworten haben.

Sippe driftet auseinander

Ihren Trend zum Zivilen dokumentierten die Röchlings auch in ihrer Management-Politik: Entgegen dem Votum Höckels, seinen langjährigen Vorstandskollegen Frank Bär, einen exzellenten und in der Branche allgemein anerkannten Wehrtechniker, zu seinem Nachfolger zu bestellen, entschieden sich Karl Röchlings Erben für Hans Ulrich Brauner, als Jagenberg-Chef Exponent der nicht-militärischen Sparte. Unter Brauner jedoch mochte Bär nicht weitermachen. Nachdem sich ein Wechsel an die Spitze der Münchener Panzerschmiede Krauss-Maffei zerschlagen hatte, kündigte er Mitte November kurzfristig seinen Rücktritt an und wenig später die Übernahme der Geschäftsführung in der Hamburger Gabelstapler- und Transportgerätefirma Jungheinrich.

Ohne lästigen Rivalen im Vorstand konnte der 51jährige Brauner nunmehr an seine nächste große Aufgabe herangehen: die Suche nach einem Ersatz für WMF. Wie es scheint, war der Rheinmetall-Chef sogar heilfroh, das ertragsarme Unternehmen an den Wiesbadener Immobilienbesitzer Wolfgang Schuppli abstoßen zu können. Um den Handel so schnell wie möglich unter Dach und Fach zu bringen, nahm Braun im Aufsichtsrat sogar eine Kampfabstimmung in Kauf. Die Arbeitnehmer-Vertreter, hatten vor einem Verkaufsbeschluß wenigstens die Entscheidung über die beantragte Bonner Ministererlaubnis abwarten wollen. Rats-Chef Wigand Freiherr von Salmuth, einer der führenden Männer der Röchling-Erben, mußte eigens seine Zweitstimme zücken, um die Verkaufsentscheidung durchzudrücken.

Mit rund 60 Millionen Mark floß damit ein weiterer Batzen in Rheinmetalls Kriegskasse. Bereits im letzten Jahr waren dem Unternehmen über eine Erhöhung des Grundkapitals durch Ausgabe stimmrechtsloser Vorzugsaktien 175 Millionen zugeflossen. Geld war damit für Konzern-Chef Brauner kaum mehr ein Thema, als er sein Interesse an Pierburg signalisierte. Die durch ständig wiederkehrende Übernahmegerüchte noch zusatzlich verstärkte Attraktivität des Unternehmens verfehlte auch an der Börse ihre Wirkung nicht: Hatte die Rheinmetall-Stammaktie zu Beginn des Jahres noch mit 323 notiert, so kletterte der Kurs bis Weihnachten auf über 500 Mark.

So zufrieden die Röchlings derzeit mit ihrer Rheinmetall-Beteiligung (gut zehn Prozent hält die Nürnberger Diehl-Gruppe) sein können, so wenig berechenbar erscheint ihr industrielles Engagement. Die auseinanderdriftende Sippe hat auch in der vierten Generation keinen Unternehmer von Format hervorgebracht, dem zuzutrauen wäre, den Besitz nach einem von allen Gesellschaftern, getragenen Zukunftskonzept zu managen. Hermann Röchling, der 1929 geborene Sohn des im Krieg von Plünderern ermordeten Kronprinzen Karl Theodor Röchling, zog es nach nur dreijähriger Praxis in den familieneigenen Stahlwerken vor, sich ins Private nach Baden-Baden zurückzuziehen. Mit dem ledigen, introvertierten und – wie Insider beobachtet haben wollen – gegenüber allem Unternehmerischen im Grunde seines Herzens negativ eingestellten Repräsentanten von 21 Prozent des Familienbesitzes scheint die letzte Hoffnung auf einen Röchling an der Spitze der Röchling-Gruppe ein für allemal dahin.

Das Sagen haben heute überwiegend ältere, aus den Ehen gutbetuchter Röchling-Töchter hervorgegangene Söhne. So ist Georg Sigismund Freiherr von Salmuth, ein Bruder des Rheinmetall-Ratsvorsitzenden, nicht nur Chef des Röchlingschen Familienrates, der vor allem über wichtige Personalangelegenheiten befindet. Gleichzeitig steht er auch dem Beirat der Gebr. Röchling KG in Mannheim vor, die vor allem mit dem Stahlhandel und der Kunststoffherstellung 1984 rund 900 Millionen Mark umsetzte. Zusätzlich leitet er den Gesellschafterausschuß der vor einigen Jahren von der Saar ebenfalls nach Mannheim verlegten Röchling Industrie Verwaltung GmbH, die als Dachgesellschaft einer Reihe von Firmen der Meß- und Regeltechnik und vor allem der Beteiligung an Rheinmetall fungiert und 1984 rund 2,8 Milliarden Mark Umsatz machte. Ein Triumvirat bestimmt in Personalunion die Geschäftspolitik beider Röchling-Holdings: Wigand von Salmuth kümmert sich vor allem um die Industriebeteiligungen, Arthur Graf Saurma-Jeltsch überwacht den Handelsbereich, und Friedrich Wilhelm Clauser, der einzige Familienfremde an der Spitze, ist verantwortlich für Finanzen und Verwaltung.

Stets darauf bedacht, so wenig wie möglich aufzufallen, meiden die Röchling-Repräsentanten möglichst jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit. Statt auf einen erfahrenen Großbankier, einen Top-Berater vom Schlage Günter Vogelsangs oder einen befreundeten Unternehmer von Rang, hören die im Verborgenen agierenden Nachlaßverwalter am liebsten auf den 78jährigen Tegernseer Rechtsanwalt Otto Kranzbühler. Der alte Herr hatte bereits Hermann Röchling senior vor dem Rastatter Kriegsverbrecher-Tribunal verteidigt und hilft als Aufsichtsratsmitglied bei Rheinmetall noch heute dem Vorsitzenden von Salmuth in schwierigen Situationen über die Runden.

Zweifel an ihrem Treuebekenntnis gegenüber Rheinmetall hat die – durch ihr gemeinsames Interesse an möglichst hohen Erträgen zusammengehaltene – Erbengemeinschaft in jüngster Zeit selbst geweckt. Unbemerkt trennte sie sich im vergangenen Jahr von ihrer qualifizierten Mehrheit: Durch Verkäufe über die Börse reduzierten sie ihren bisherigen Anteil von rund 77 Prozent auf 62 Prozent. Überdies verhandelten die Röchling-Chefs mit dem Dortmunder Hoesch-Konzern über einen Einstieg des Stahlherstellers bei Rheinmetall. Allerdings wurde aus dem Geschäft nichts. Den Unterhändlern der Familie waren die Millionen aus der Hoesch-Kasse zwar äußerst willkommen – nur die industrielle Führerschaft wollten sie dafür nicht hergeben.