Von Benedikt Erenz

Zweitausend Jahre Augsburg. Also, denke ich, wahrscheinlich ein alter Keller, Römermauern, Fachwerkwände, Lechwasser rieselt durchs Fundament, die Glocken läuten. Riedingerstraße 24: ein enges Tonnengewölbe wahrscheinlich, zwischen Papierpaletten eingezwängt der Verleger, hustend ob seines Asthmas, gegen den Lichtstrahl blinzelnd, der in die zweitausendjährige Dunkelheit seines Verließparadieses dringt, wenn ich von der Gasse herab eintrete.

Doch was ist das? Riedingerstraße: gibt es hier an nicht, oder soll das noch Augsburg sein? Mit dem Stadtplan in der Hand laufe ich eine trostlose Ausfallstraße auf und ab, Schwerlastverkehr dröhnt an mir vorbei, links ein riesiger Parkplatz, rechts die rußigen Werkshallen der Augsburg-Nürnberger Maschinenfabrik. Noch ein paar einsame Häuser, Riedingerstraße 20, 22, 22 A. Schluß. Mitten im Augsburger Industriegebiet – der Kleinverlags-Forscher verlassen.

Da erscheint, auf einem Fahrrad, ein Herr. "Doctor Livingstone, I presume. Grüß Gott!"

So war ich doch richtig gelaufen: hier, inmitten dieses grauen Dschungels, auf dem weiten Werksgelände einer verlassenen Textilfabrik, hat er sich, zusammen mit anderen Firmen, eingenistet: der Maro Verlag. Keine sonderlich poetische Umgebung – und doch völlig passend für den Verlag, der Charles Bukowski hierzulande entdeckt hat, der William S. Burroughs verlegt, Jan Kerouac (Jacks wilde Tochter), Gerald Locklin, Reggae-Texte, neue Gedichte aus Irland, bitter und hat. Literatur, in der es um Arbeit geht und ums Geld, auch ein bißchen um Liebe oder was man dafür hält, um den Alltag aus Fernsehen und Saufen und mit dem Wagen herumfahren, um das Leben also, das echte, das tolle. So ein Verlag gehört nicht in eine museale Altstadt, sondern hierhin mitten ins Revier, wo es ein wenig nach verbranntem Müll riecht und den Chemikalien der Papierfabrik. Ein Stück Welt, das überall gleich aussieht, in Augsburg und in Pittsburgh, in Leningrad und in Lagos, Industriewelt, mal unter einem blauen, mal unter einem grauen Himmel. Werkshallen, Kräne, Laderampen, Lastwagen, Container.

"Der Container verändert die Landschaft." Der "Container" enthält rund fünfzig Texte von allen Maro-Autoren und ist die Jubiläumsanthologie des Verlags "zum 15jährigen Bestehen". 2000 Jahre Augsburg, 15 Jahre Maro Verlag – das Motto 1985. Benno Käsmayr, Gründer und Chef des Unternehmens, hat genug Selbstironie, also Selbstbewußtsein, für historische Maßstäbe.

Wir sitzen in seinem Büro – auch das ein Container, praktisch und schmucklos, gleich nebenan die Druckerei und das Lager – und genießen im nachhinein noch einmal den Zauber, der allem Anfang innewohnt. Ein Student der Wirtschaftswissenschaften und Soziologie, schon als Schüler existentieller Leser, jobbt nebenher in einer Augsburger Druckerei. Hier lernt er die Technik, das Drum und Dran des Büchermachens, hier druckt er nachts und an Wochenenden, wenn die Maschinen müßig sind, seine ersten Bücher.