Auch im hohen Alter läßt der Journalist und ruhelose Mahner seine Hoffnung nicht fahren

Von Dietrich Strothmann

Milde ist er geworden – wenn er denn je richtig böse werden konnte, gütig, wenn er überhaupt einmal gnadenlos gewesen ist. Walter Dirks, der diese Woche 85 Jahre alt wurde, sitzt in seinem mit Bett, Schreibtisch, Stereoanlage und hohen Bücherregalen vollgestellten Zimmer ("meine Studentenbude") im ehemaligen Dorf Wittnau bei Freiburg, einer Art Schlafgemeinde gutsituierter Bürger. Noch immer die hohe Stimme, die aus den fünfziger Jahren vom Radio her wie ein Markenzeichen vertraut ist, der wache, scharfe Geist, die gelegentlich humorvoll eingefärbte, doch keineswegs abgemilderte Selbstkritik. Noch immer ebenso genau im Bilde über die aktuellen Geschehnisse draußen, exakt erfahren über eigene Zweifel, Sorgen, Ängste auch.

Ein Mann eines Schlages, von dem es nicht viele gibt in seiner Republik, an der er hängt, die er stets "mit Zähnen und Klauen" verteidigte. Ein Mann noch immer, von dem es genug schon gar nicht gibt. Und, alles in allem, ein Leben beinahe so alt wie unser Jahrhundert: Kaiserzeit, Weimarer Episode, Hitlers Schreckensherrschaft, die Bundesrepublik von Adenauer bis Kohl. Ein Leben also, so lang, so reich wie ein Roman ...

Walter Dirks selber würde sich hüten, über sich so zu reden, zu schreiben. In letzter Zeit hat er häufiger Rückschau gehalten, in Vorträgen und Aufsätzen. Wer wie er oft zum Friedhof geht, zu seiner Grabstelle, sein Tagewerk also nahezu abgeschlossen hat – eine Werkausgabe in sechs Bänden, die wenigstens Teile seiner rund fünftausend Artikel und an die fünf originalen Bücher dazu enthalten soll, wird vorbereitet –, der fragt sich auch, immer wieder: Wer war ich? Was habe ich getan, was geleistet? Was habe ich erreicht? War er nur, wie die Titel seiner jüngsten Veröffentlichungen lauten, ein "singender Stotterer", ein "linker Spinner"?

Gestottert hat Walter Dirks, geboren in Dortmund-Hörde, mitten im Kohlenpott, wirklich in jungen Jahren. Als Sänger erst ("allein sechsmal sang ich die "Schöpfung von Haydn"), dann als "Gaugraf" für Westfalen der katholischen Tugendbewegung trainierte er sich den Sprachfehler ab, den er seiner damals tiefen, geradezu ängstlichen Frömmigkeit wegen auf eine "ekklesiogene Neurose" zurückführt. Als Journalist aber sechs Jahrzehnte hindurch, erst bei der Rhein-Mainischen Volkszeitung, dann bei der Frankfurter Zeitung, schließlich bei den von ihm mitbegründeten Frankfurter Heften und als Kultur-Hauptabteilungsleiter des WDR, schätzte er sich selber stets als "singenden Stotterer" ein: als einen, der immer nur versuchen konnte, anderen seine Ansichten und Einsichten mitzuteilen, sie zu warnen und zu mahnen. Er konnte es immer nur versuchen, immer noch einmal, ohne ganz sicher zu sein, recht zu haben, ohne vollends gewiß zu sein, richtig verstanden zu werden, auch sich verständlich zu machen. Demut ist eines seiner Lebensworte, seiner lebenslang gebrauchten Worte.

Liebe ist ein anderes – und Kampf. Und zwar Liebe im ganz praktischen, ganz einfachen, selbstverständlichen Sinn. Ohne seine Frau Marianne wäre er nichts gewesen, geworden, sagt er selbst jetzt noch im vollen, unmißverständlichen Ernst. Mit vierzig erst hatte Dirks geheiratet. Die Familie war ihm von da an wichtiger als jeder Ruhm, jeder Reichtum.