Von Peter Richter

Noch am Nachmittag hatte ich dem alten, buckligen Mütterchen zugesehen, wie es bei Ebbe zwischen den Korallen und Steinen Algen, Seegras und allerlei Muschelgetier sammelte. Bereits am Abend fand ich diese eiweißreichen Köstlichkeiten, zusammen mit Tofu (Sojabohnenquark), Sashimi (roher Fisch in dünnen Scheiben) und Natto (gegorene Sojabohnenkeime), auf dem Abendbrottisch meiner Minshuku, meiner japanischen Familienpension, auf der Insel Taketomi wieder. Nun sagt man zwar in Japan, es werde immer auch mit den Augen gegessen, aber bei dieser Mahlzeit hielt ich es bei manchem Bissen doch für angebrachter, die Augen zu schließen.

Es sollte sich in den folgenden Tagen zeigen, daß dies nicht die einzige Überraschung bei diesem Besuch auf Japans südlichster Insel blieb. Die Anreise war kein Problem: mit dem Jumbo nach Okinawa, zur bekanntesten der Hansei-Inseln, dann weiter mit dem kleinen Inselhüpfer der South-West-Airlines in einer Stunde auf die Insel Ishigaki, die mit sechs weiteren Eilanden die Gruppe der Yaeyamas bildet, und schließlich mit einem Fährboot in etwa 15 Minuten zum Ziel, zum Inselchen Taketomi.

Die meisten meiner Mitreisenden waren junge Paare, weil die Nansei-Inseln – neben Hawaii – als Paradies für japanische Hochzeitsreisende gelten. Nach Taketomi reisen sie, um den berühmten, glückbringenden Sternensand (Hoshisuna) zu sammeln. Erst bei näherem Hinsehen bemerkt man, daß es sich nicht um gewöhnlichen Strandsand, sondern um allerkleinste Skelette von Meerestieren in der Form von Sternen handelt. An den vermeintlichen Fundstätten ist der Sand durchwühlt. Für die erfolglosen Glückssucher, und sie scheinen in der Mehrzahl zu sein, haben die Inselbewohner kleine Portionen in Fläschchen und Päckchen abgefüllt und verkaufen sie für 100 Yen, rund 1,25 Mark.

Erfolglos werden die meisten Besucher der Yaeyamas bei der Suche nach den anderen beiden Berühmtheiten dieser Inseln sein: der Iriomote-Wildkatze und der Giftschlange Habu. Es soll auf der Insel Iriomote noch 30 bis 40 dieser einzigartigen Wildkatzen geben. Sie sind nur wenig größer als Hauskatzen und haben sich nach neueren Forschungen seit fünf bis zehn Millionen Jahren genetisch nicht verändert, sind also gleichsam lebende Fossilien. Die Katzen sind, wie die Giftschlangen, Nachttiere, und deshalb hat auch kaum ein Tourist je eines dieser seltenen Tiere gesehen.

Um so verwunderlicher ist es, daß von vielen Menschen berichtet wird, die jährlich der Biß der Habu das Leben kostet. Findige Reiseführer empfehlen, zum Schutz gegen die Schlange in der Nacht stets eine starke Taschenlampe mitzuführen, weil das Tier äußerst lichtempfindlich sei.

Den Erfolg der empfohlenen Methode brauchte ich glücklicherweise nicht zu überprüfen, obwohl ich Hunderten von Habus begegnete – allerdings eingelegt in Sake. In Souvenir- und Spirituosengeschaften wird in Flaschen und handlichen Tragegläsern Habu-Sake – Schlange inklusive – zum Preise von ungefähr 100 Mark angeboten. Kichernd, die Hand verschämt vor den Mund haltend, ziehen die jungverheirateten Frauen ihre Ehemänner von den Verkaufsständen weg, an denen die Verkäufer nicht mit anzüglichen Werbesprüchen geizen: Habu-Sake gilt in Japan als probates Potenzmittel.