"Silverado": Western und Western-Hommage im Spielberg-Stil • Doris Dörrie witzelt über Pappkameraden, die sie "Männer" nennt • Lieber Flashdance als KGB: Michael Baryschnikow tanzt in "White Nights – Nacht der Entscheidung"

Silverado"von Lawrence Kasdan. Vielleicht ist dies der letzte große amerikanische Western. Indirekt verantwortlich für ihn ist, wie für so yiele Produktionen jüngerer Hollywoodfilmemacher, der Allround-Kinomagier Steven Spielberg, von dem kürzlich die Londoner Times schrieb, er habe wie wenige die populäre Kultur des späten 20. Jahrhunderts geprägt.

Lawrence Kasdan, der Regisseur von "Silverado", ist ein Spielberg-Protege, er schrieb das Drehbuch für "Indiana Jones", dessen rapider, furioser Stil auch diesen Western bestimmt. Ein Stil, der so modern und ausgebufft ist, daß viele Cineasten, die beschaulicheren Kinotagen nachhängen, nicht mehr mitkommen. Spielberg und Kasdan sind keine Ästheten – dieses Wort muß man bei ihnen vergessen –, sondern avantgardistische Designer, die klassische Erzählstoffe und alte Kinomythen als Material für eine verblüffende Neuerfindung des Kinos benutzen – was dabei herauskommt, sind motion pictures im ursprünglichen Sinn: Tempo, Handlung, Bewegung dominieren in ihren Filmen genauso wie damals in den Pionierzeiten, als die Bilder laufen lernten.

"Silverado" ist eine faszinierende Anthologie aller Westernmotive, eine atemlose Hommage an den Westen als Arena für das elementare Drama von Gut gegen Böse: Eine Gruppe von Herumtreiber-Cowboys landet in einem Arizona-Kaff, es kommt zum Zusammenstoß mit dem korrupten Sheriff und einem finsteren Clan, der alles in der Hand hat.

Die Landschaft ist großartig, die Pferde sind schnell, die Cowboys besitzen einen frischen jugendlichen Charme. Vor allem ist der Film eine optische Delikatesse: Hauptsächlich im Herbst und Winter gedreht, in Arizona und New Mexico, herrschen Schattierungen in Schwarz, Braun und Beige vor. Zartblaue Himmel über dem liebevoll nachgebauten Westernstädtchen und über Sandwüsten, ausgebleichter Prärie und Schneeweiten. Die Dialoge – jedenfalls in der Originalfassung, die unbedingt gespielt werden sollte – sind auf den Punkt genau. Das Showdown steht bevor – Oldtimer: "What’s goin’ on sheriff?" Sheriff: "Hide and watch." Siegfried Schober

"Männer" von Doris Dörrie. Uwe Ochsenknecht, der Münchner Schauspieler, hat einen Charakterkopf und ist stattlich gebaut. Mit Anita Ekberg kann er sich nicht messen. Der Springbrunnen auf dem Münchner Stachus ist recht hübsch, wirkt aber provinziell im Vergleich mit der Fontana di Trevi. Dennoch, wenn Ochsenknecht im nagelneuen Anzug ein Duschbad im Brunnen nimmt, Heiner Lauterbach ihn verstört betrachtet, könnte man "Männer" fast für einen Kinofilm halten. Das Schönste: In dieser Szene schweigen die Männer. Bislang haben sie nur geredet, miteinander, voneinander, haben mit aller Kraft zu vertuschen versucht, daß Doris Dörrie so wenig zu sagen hat. Lauterbach nennt seine Sekretärin "meine Beste": So reden sie nicht einmal auf den Boulevardbühnen. Nur noch in der deutschen Filmkomödie.

Wenn die vollbusige Sekretärin ins Chefbüro gerufen wird, dann wissen die Kolleginnen: Nicht mehr Briefe, Brüste stehen jetzt auf der Tagesordnung. Der Chef heißt Armbrust; er bewegt sich in den Höhen des Managements ebenso sicher wie in den Niederungen des deutschen Humors. Als er erfährt, daß seine Frau ihn mit einem hippieesken Lebenskünstler betrügt, fällt er aus der Rolle. Die Rache des Gehörnten ist teuflisch: Er nistet sich ein in der WG des Hippies, betört den Nebenbuhler mit Zaubersprüchen aus dem Lehrgang für Jungmanager. Aus dem Lebenskünstler wird ein Art-Director: Omas Kino spielt "Mann ist Mann", "Eine Meinung ist ganz gleichgültig. Ein ruhiger Mann kann ruhig noch zwei oder drei andere Meinungen übernehmen." Ein Mensch wurde ummontiert in Doris Dörries Film. Dafür brauchte die Regisseurin, anders als Brecht, keine Sprachgewalt, kaum Witz und nicht besonders viel Intelligenz: Ihre Männer waren, von Anfang an, nur Pappkameraden. Claudius Seidl