Hamburg

Zwei Wochen nach dem Tod des Türken Ramazan Avci werden mögliche politische Hintergründe des Mordes immer deutlicher. Die Jugendlichen, die den jungen Türken verfolgten, ihn mit dem Auto anfuhren, dem am Boden Liegenden die Beine brachen, das Becken zertrümmerten und den Schädel einschlugen, haben enge Beziehungen zur Hamburger Neo-Nazi-Szene. Drei der vier Inhaftierten gehören zu den Bergedorfer „Skinheads“, einer von jungen Nazis geführten Bande, die gezielt auf Ausländer Jagd macht.

Drei Wochen vor der Mordnacht brachen Skinheads einem türkischen Freund des Ermordeten beide Hände, eine Woche nach dem Mord schlugen sie, nicht weit vom Tatort entfernt, einen Farbigen nieder. „Du sollst töten“ und „Sei immer gut bewaffnet“ sind zwei der Gebote der Skinheads, einer anfangs harmlosen Jugendgruppe, die sich von den „Punks“, den „Teds“ oder den „Bombern“ nur durch die kahlgeschorenen Köpfe, die Knobelbecher und den Schlachtruf „Oi“ unterschied. Inzwischen haben Schlachtruf das Regiment bei den Skins übernommen und treiben mit deutschnationalen Parolen zur Jagd auf Ausländer und „dreckige Deutsche“ wie zum Beispiel Punks.

In Bergedorf machten sich der bundesweit bekannte und zur Zeit einsitzende Jungfaschist Michael Kühnen und seine Schläger von der „Aktionsfront nationaler Sozialisten an die Skins heran, luden zu Schießübungen in den Sachsenwald und zu Kübelwagentouren mit Freibier ein. Die Nazis nutzten dabei geschickt ein Vakuum staatlicher Jugendarbeit: Welcher Sozialarbeiter gibt sich schon gern mit Jugendlichen ab, die „Sieg Heil“ brüllen? Aus den Jugendeinrichtungen des Stadtteils wurden die Skins Schritt für Schritt herausgedrängt.

„Warum soll ich nicht stolz sein, das Erbe eines großen Volkes in mir zu tragen?“ fragen die Skinheads in einem ihrer Blätter. Sie pöbeln gegen die „Läuse im Pelz des Sozialstaates und solidarisieren sich mit „den Rebellen in Afghanistan“. Sie befehlen: „Schneide die Haare regelmäßig, bleib sauber, putz deine Stiefel!“ und geben vor, für die Familie zu kämpfen: „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ Gegen Ausländer gehen sie vor nach der Strategie: „Schlage einen Türken, bis er zurückschlägt, und zeige ihn an! Irgendwann wird er ausgewiesen.“

In Bergedorf funktionierte diese Methode; viele junge Türken wurden angezeigt. Die jugendlichen Ausländer, die in der Regel nicht zur Polizei gehen, wenn sie angegriffen werden, sondern sich lieber zusammentun und zurückschlagen, bildeten Gruppen und rächten sich an den Skins. Seit drei Jahren gibt es regelmäßig Schlägereien. Dabei kamen die Deutschen mit dem ordentlichen Haarschnitt und ihrer angeblichen Vorliebe für den „Rechtsweg“ bei der Polizei besser weg.

Die Skinheads fühlen sich bei ihrer Jagd auf Ausländer im Recht und vielfach ermuntert. Daß zu viele Ausländer in der Bundesrepublik leben, ist schließlich eine weitverbreitete Meinung; warum also nicht ein bißchen nachhelfen, wenn sie nicht freiwillig gehen? Türkenwitze kommen zu Hause gut an, die Arbeitskollegen fluchen auf die „Kanaken“, und wenn die Skins Ausländer niederschlagen, schauen Passanten schweigend zu. Auf dem belebten Hansaplatz konnten zwei Skinheads ein türkisches Mädchen eine Viertelstunde lang quälen, schlagen und immer wieder zu Boden werfen, ohne daß irgend jemand eingriff oder die Polizei holte.