Ihre Geburt wurde von kernigen Sprüchen begleitet: "Für Deutschland ist das Behaupten seiner wissenschaftlichen Vormachtstellung eine ebensolche Staatsnotwendigkeit wie die Überlegenheit seiner Armee." Und: "Ein Verlust an wissenschaftlichem Prestige Deutschlands wirkt auch zurück auf die nationale Geltung und den nationalen Einfluß Deutschlands auf allen anderen Gebieten." Adolf Harnack hatte diese Sätze in seiner Denkschrift zur Gründung der "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft für die Förderung der Wissenschaften" geschrieben. Sie klingen nicht nur befremdlich in unseren Ohren, sondern entsprachen auch keineswegs etwa der Diktion, derer sich der Kirchenhistoriker in seinen wissenschaftlichen Abhandlungen und Festreden bediente. Harnack wollte damit den Kaiser und das an seine pompösnationalistische Redeweise gewöhnte Volk beeindrucken. Es gelang dem Gelehrten vorzüglich.

Wilhelm II. hatte nach gutem alten Brauch der Berliner Universität im Oktober 1910 ein Geschenk zu ihrem hundertjährigen Bestehen zu machen. Diese Gelegenheit ergriff der Leiter des Universitätsressorts, Friedrich Althoff, um seiner Majestät einen von ihm und seinem Mitarbeiter Friedrich Schmidt-Ott lang gehegten Plan anzudienen, die Gründung von Forschungsinstituten außerhalb der Universitäten. Daß damit das Dogma des preußischen Bildungspapstes Wilhelm von Humboldt, die Einheit von Lehre und Forschung, ins Wanken geraten würde, nahmen die beiden Bildungsbeamten in kauf, zumal sie sich mit der mißlichen Situation an den überfüllten Universitäten herumzuplagen hatten; wegen der rapid anwachsenden Studentenzahlen wurden die Professoren in zunehmendem Maße Lehrer, die kaum mehr Zeit zum Forschen hatten.

In anderen Ländern waren aus dem gleichen Grund schon außeruniversitäre Forschungsstätten entstanden, in Frankreich zum Beispiel das erfolgreiche "Institut Pasteur". Vor allem in der Neuen Welt erwuchs der europäischen Wissenschaft starke Konkurrenz an Instituten, die mit privaten Stiftungsgeldern reich ausgestattet waren.

Der deutsche Kaiser ließ sich überzeugen und verkündete bei der Hundertjahrfeier der Universität die Gründung "von Anstalten, die über den Rahmen der Hochschulen hinausgingen und, unbeeinträchtigt durch Unterrichtszwecke, aber in enger Fühlung mit Akademie und Universität, lediglich der Forschung dienen". Eine Gesellschaft, die seinen Namen tragen würde, sollte Forschungsinstitute errichten und erhalten. Harnacks Denkschrift und die – ebenfalls von ihm verfaßte – Rede des Monarchen verfehlten ihre Wirkung nicht. Innerhalb weniger Wochen war ein Stiftungskapital von zehn Millionen Reichsmark aus Spenden zusammengekommen. Am elften Januar 1911 (um elf Uhr, aber das war das einzig Karnevalistische daran) fand im großen Sitzungssaal der Königlichen Akademie der Künste die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft statt, eines freien Vereins, der – das versprach der preußische Kultusminister August von Trott zu Solz feierlich – keinem behördlichen Einfluß unterliegen würde.

Im Herbst des darauffolgenden Jahres wurden auf dem von der preußischen Regierung bereitgestellten Gelände in Berlin-Dahlem zwei Kaiser-Wilhelm-Institute eingeweiht, eines für Chemie und das andere für physikalische Chemie und Elektrochemie. Im zehnten Jahr ihres Bestehens, zu Beginn des Jahres 1921, hatte es die Gesellschaft trotz des Weltkriegs und seiner Folgen auf 14 Forschungsinstitute gebracht. Die Stabilität dieses Wissenschaftsunternehmens, das sogar die große Inflation überstanden hatte, ist bemerkenswert. Beharrlich hielt die auf ihre Unabhängigkeit sorgsam bedachte Gesellschaft an dem Namen ihres Stifters fest, des inzwischen außer Landes getriebenen Kaisers. Die Gelehrten, die sie als Institutsdirektoren gewann, stießen sich offenbar nicht daran, nicht einmal Albert Einstein, dem alles Preußische zutiefst zuwider war. Eigens für ihn war in Dahlem das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik gebaut worden.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg mußte die Gesellschaft ihren alten Namen auf Druck der Besatzungsmächte aufgeben. Seitdem heißt sie nach ihrem zweiten – nobelpreisgekrönten – Direktor "Max-Planck-Gesellschaft". An ihrem 75. Geburtstag beschäftigt sie an 60 Instituten etwa zehntausend Mitarbeiter, davon viertausend Wissenschaftler. Das Geheimnis ihrer großen Erfolge liegt in der – selbst unter der Nazidiktatur weitgehend bewahrten – Unabhängigkeit vom Staat und in ihrer forschungspolitischen Flexibilität. Bis weit in die Nachkriegszeit hatte es sich bewährt, neue Institute quasi um bedeutende Wissenschaftler herum zu errichten und diese Forschungsstätten wieder aufzulösen, wenn der Direktor ausschied. Stets aber hatte es Ausnahmen von dieser Praxis gegeben, bis sie selbst zur Ausnahme wurde, weil Wissenschaft gleich welcher Disziplin zunehmend komplexer und investitionsintensiver geworden ist. Heute hat das typische Max-Planck-Institut mehrere Direktoren und ein maßvolles Statut der Mitbestimmung. Und die Jubilarin, die unter soviel nationalistischem Trommelwirbel zur Welt gekommen war, ist längst in das Netz der internationalen Forschungsgemeinschaft eingeflochten.

Thomas v. Randow