Das Bier war dünn, die Weine sauer, die Luft zum Ersticken, es gab zu wenig Sitzplätze. Was war also am „Onkel Pö“, dessen vollständiger und so offensichtlich erwartungsvoller Name „Onkel Pö’s Carnegie Hall“ lautete, was war dran an dieser Hamburger Eckkneipe mit Live-Musik, die in der letzen Nacht des vergangenen Jahres ihre Pforte schloß? War das „Onkel Pö“ nach rund fünfzehnjähriger Existenz dieser Billig-Mythos, den die meisten Journalisten immer wieder umgegraben haben, nur um die alten Regenwürmer Rentnerband und Udo Lindenberg ans Tageslicht zu kratzen? Von den beiden mag der „Pö-Humus“ stammen, aber was sich von Mitte der siebziger Jahre fast ein Jahrzehnt lang auf den 180 Quadratmetern dieser in mattem Schwarz gehaltenen Höhle an Musikern tummelte, war von anderer Natur und Statur.

Als in einer Februarnacht des Jahres 1974 die Giants of Swing mit den Basie-Musikanten Buddy Tate (Tenorsaxophon), Jo Jones (Schlagzeug) und dem faunischen Milt Buckner (Orgel) loslegten, da wackelten so manche Vorurteile in Sachen Jazz, und die hundertfünfzig Hamburger, die sich im „Pö“ wie die Kieler Sprotten preßten, waren für drei Stunden in Papuas verwandelt, auf deren Lichtung zum erstenmal ein Flugzeug landet. Am liebsten hätten sie die drei Swing-Riesen angefaßt, um etwas von ihrer unnachahmlichen Entspanntheit auf ihre deutschen und ordentlichen Seelen übergehen zu lassen.

Denn das war das eine Geheimnis dieser Schlaraffen-Kneipe des Klangs: die Atemnähe zu den Musikern. Man konnte die Schweißperlen auf ihren Nasen zählen, zuschauen, wie 1976 der Pianist Cecil Taylor sein „Don’t send me no petals from Georgia“ ohne Unterbrechung und ohne zusammenzubrechen in achtzig Minuten und in dreifachem forte herunterdonnerte. Und als der Blues-Musiker Luther Allison auf dem Gipfel seiner Ekstase war, da sprang er vom Podium, mischte sich spielend unter die verzückte Menge, einige Fans waren schreiend auf die Knie gesunken, tobte durch die Tür hinaus auf den Lehmweg und stand plötzlich im Übertragungswagen des Norddeutschen Rundfunks: „I’m glad to be in Hamburg“, kreischte er.

Luther Allison war nicht der einzige Musiker, der sich im „Pö“ wohl fühlte. Pat Metheny, der junge amerikanische Gitarren-Star, hat 1980 furiose Nächte im „Pö“ erlebt. Er schwärmt noch heute: „Ich weiß noch, daß ich dachte: Das ist es! Und meine Knie zitterten. Irgend etwas ist an diesem Platz, etwas Inspirierendes. Warum? Die einzige Antwort auf diese Frage ist, daß das Publikum viel mehr damit zu tun hat, als ich es mir je vorstellen konnte. Für mich ist das Publikum gleichbedeutend mit Aufmerksamkeit. Mit der Improvisation ist das wie beim Zwiegespräch. Wenn dein Gegenüber sich mitten im Gespräch von dir abwendet, dann geht die Konzentration verloren. Aber wenn man sein Spiel als Gespräch begreift, und du spürst die Hörenergie der Leute, dann ist es das Größte. Hamburg gehört zu den vier oder fünf Städten auf diesem Planeten, wo ich bei den Leuten eine unglaubliche Zuwendung spüre. Am liebsten würde ich noch mal eine Woche im Onkel Pö spielen.“ Zu spät. Der Niedergang des „Onkel Pö“ setzte ein, als 1978 Liebe und Zuneigung hinter den Zapfhähnen weniger wurden, als der damalige Besitzer Peter Marxen sich aufs Land zurückzog. Marxen, ein freundlicher, dicker Mensch, ein Kommunikations- und Trinkwunder, von dem Freunde behaupteten, er müsse zwei Lebern haben, interessierte sich für Musiker und Gäste von ganzem Herzen. Und das kam rüber. Er war maître de plaisir, Beichtvater, Saufkumpan, ein bemerkenswertes Tresenwesen, das vor Begeisterung so manche Band zum Frühstück nach Hause schleppte. So etwas merken sich die Musiker. Sie kommen wieder, und sie machen vernünftige Preise, und das „Pö“ wurde zu einer „Zweitwohnung“ für die Menschen auf und vor dem Podium.

Das war das zweite Geheimnis des „Onkel Pö“ in den Siebzigern: die Menschlichkeit seiner Mitarbeiter. Die Freitagabende waren auch im „Pö“ die Stunde der „Wir-wollen-jetzt-einen-Draufmacher“. Plötzlich war ein aggressiver Viehhändler aus der Provinz im Laden. Tony Sheridan sang gerade. Der Rausch trieb den Schlachthoflieferanten auf die Bühne, und er tanzte wie der besoffene Baal. Aber niemand hat den furchterregenden und traurigmachenden Kerl weggeprügelt. Im Gegenteil, Tony zog diesen seltsamen Gast in sein Lied hinein, das er gerade vortrug: „Auch du brauchst einen Freund.“ Anfang der Achtziger wurde das Klima im „Pö“ kälter. Der Dollarkurs trieb die Gagen in die Höhe, manchen Musikern war der Ruhm nicht bekommen, die New-Wave-Gruppen mit ihrem eisigen Geklirr und die Kulturbehörde der Stadt, die sich vor Tanzmeistern, Intendanten und Regisseuren eilfertig in den Staub wirft, im Falle des „Onkel Pö“ sich jedoch wie ein Pflasterstein verhielt, glatt und hart, gaben der Stätte des Dionysos den Rest. Der Dichter Peter Rühmkorf, der im „Pö“ gelegentlich seine Klaren kippte, war dort mit seiner Mixtura aus Poesie und Jazz im Februar 1977 aufgetreten. Das Publikum vernahm diese Worte:

„Jetzt mitten im Klaren

Also Freund, also ernst, also eh ich end-

gültig verasche,

und meine Saugkraft verlier,

trink ich noch einmal

Blutsbrüderschaft

mit der Branntweinflasche

und du prüfst das Revier.

Ich nehm die Dickere, du nimm die Dünnere,

die Welt

läßt wieder mal hoffen;

woran, an welche Stunde ich mich erinnere,

ich war immer besoffen.

Schau, dieser stark bewölkt bis bedeckte,

diesige

Tag lichtet langsam die Miene:

leichtere Schnäpse, mittlere, schließlich

riesige:

eine flammende Sonnenterrine-“

Die Leuchtkraft des „Onkel Pö“ ist erloschen. Am 11. Januar wird das Inventar versteigert. Hamburg ist jetzt noch provinzieller.

Michael Naura